|
Sie befinden sich hier:
BIOBAUERN
Agrarkultur 2100: Das Landwirtschaftskonzept von morgenIn seiner Eröffnungsrede zu den BIO AUSTRIA Bauerntagen 2012 stellt BIO AUSTRIA Obmann Rudi Vierbauch die Agrarkultur 2100 vor. Liebe Biobäuerinnen und Biobauern, die BIO AUSTRIA Bauerntage 2012 stehen ganz im Zeichen einer Agrarkultur für eine Landwirtschaft von morgen. Wir können jetzt in Europa die Weichen stellen für eine Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, die wir gerne unseren Kindern und Enkelkindern hinterlassen möchten.
Wir können denselben Weg weiter gehen wie bisher
Unser Weg geht in die entgegengesetzte Richtung Kehren wir jetzt einer Landwirtschaft den Rücken, an deren Entwicklungsende eine im wahrsten Sinne des Wortes bodenlose Lebensmittelproduktion steht: Vertical Farming. Das bedeutet: Lebensmittel aus dem Hochhaus statt vom Feld. Aufgezogen mit künstlichen Nährlösungen. Bestrahlt mit künstlichem Licht. Losgelöst von der Lebensgrundlage Boden und verbunden mit einer Abhängigkeit von wissenschaftlichem Laborwissen. Mit enormen Umsätzen an Energie und Geld. Erteilen wir dieser Zukunft eine klare Absage! Retten wir unsere bäuerliche Unabhängigkeit vor den Interessen der Industrie! Retten wir unser Grundrecht auf Nahrung vor den Ansprüchen des Kapitalmarktes!
Wir haben eine andere Zukunft vor Augen Unser Leitbild für eine neue Agrarkultur kann nur eine bäuerliche, biologische Landwirtschaft sein. Sie ist nachhaltig. Sie hat die Eigenschaften, die eine zukunftsfähige Landwirtschaft benötigt. Sie produziert mehr Energie als sie verbraucht und sie ist sehr produktiv. Ihre Böden speichern große Mengen Kohlenstoff. Der Weltagrarbericht hat dies der Welt bereits im Jahr 2008 mitgeteilt. Über 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus über 80 Ländern haben dafür vier Jahre lang geforscht. Weltweit wurden sie dabei von 95 Regierungen und sechs UNO-Organisationen unterstützt. Warum fand dieser Weltagrarbericht bisher so wenig Gehör in der Öffentlichkeit? Er stand mächtigen ökonomischen Interessen globaler Monopolisten entgegen und kritisierte die grüne Revolution. Heute, im Jahr 2012, wissen wir: Eine ständig steigende Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten bestätigt die Ergebnisse des Weltagrarberichtes. Im Mai 2011 warnte der Zukunftsbericht der EU-Kommission eindringlich: Ein radikaler Wandel in der landwirtschaftlichen Produktion und im Verbrauch von Lebensmitteln sei unumgänglich für Europa.
Wir brauchen eine Agrarkultur 2100 Setzen wir als ersten und wichtigsten Eckpfeiler den Aufbau fruchtbarer Böden. Wir müssen sicherstellen, dass für die kommenden Generationen ausreichend fruchtbarer Boden vorhanden ist. Er garantiert uns ausreichend Lebensmittel in hoher Qualität. Er ist die Basis für unsere Ernährung. Markieren wir mit dem zweiten Eckpfeiler den Ausbau einer zukunftsfähigen, biologischen Landwirtschaft. Sie wirtschaftet ganzheitlich. Sie ermöglicht eine Tierhaltung, die ohne riesige Mengen an Eiweißimporten auskommt. Sie schützt neben dem Boden auch alle anderen Lebensgrundlagen wie Wasser, Klima, Biodiversität sowie unsere Kulturlandschaft. Ihre Wirtschaftsweise macht uns unabhängiger von Energie und agrarischen Hilfsstoffen um gute Ernten zu erzielen. Sichern wir mit dem dritten Eckpfeiler unsere bäuerlichen Produktion. Bäuerinnen und Bauern sind weltweit der beste Garant für Stabilität, Vielfalt und Versorgungssicherheit auch in schwierigen Zeiten. Unterstützen wir mit einem vierten Eckpfeiler eine neue Konsumkultur. Sie garantiert Transparenz und Fairness als Basis respektvollen Zusammenlebens, Zusammenarbeitens und gemeinsamen Handelns. Sie bewertet jenes Lebensmittel als das Beste, das den höchsten ökologischen, ökonomischen und sozialen Nutzen stiftet. Fördern wir mit einem fünften Eckpfeiler eine Ernährungs- und Esskultur, in der wir in den westlichen Industriestaaten wieder lernen, „genug zu haben“ statt von allem „viel zu viel zu haben“. Dann werden die Lebensmittel einer Agrarkultur 2100 für alle reichen, auch in Zukunft.
Reformieren wir unsere Welt Wollen wir eine neue Agrarkultur schaffen, müssen wir gleichzeitig viele andere Bedingungen reformieren. Reformieren wir endlich unser Rechtfertigungssystem! Wie lange wollen wir Biobäuerinnen und Biobauern uns noch selbst ein teures und aufwändiges Kontrollsystem aufbürden, um unser nachhaltiges Wirtschaften zu belegen, während jene, die Mensch, Tier und Umwelt massive Belastungen zufügen, unkontrolliert und ungehindert agieren können? Refomieren wir endlich unser Verantwortungssystem! Wie lange lassen wir uns als Steuerzahlerin und Steuerzahler noch für ökologische und soziale Schäden, die andere mit Gewinn verursachen, zur Verantwortung ziehen? Reformieren wir endlich unsere Informations- und Werbekultur! Wie lange wollen wir uns noch von Marktakteuren für dumm verkaufen lassen, die Produkte aus Tierfabriken mit Heile-Welt-Bildern von glücklichen Hühnern und Kühen bewerben dürfen? Reformieren wir endlich unsere Wegwerfkultur! Wie lange wollen wir unsere Lebensmittel noch von den Supermärkten als billige Lockangebote verschleudern lassen? Bis sie von uns allen so gering geschätzt werden, dass wir ein Drittel davon auf den Müll werfen! Während eine Milliarde Menschen hungert!
Wir fordern klare politische Entscheidungen Es wäre anmaßend, heute von einer Bio-Landwirtschaft zu reden, die bereits auf alle Fragen eine Antwort hat. Wir kennen die vielen unterschiedlichen Gesichter der biologischen und konventionellen Landwirtschaft auf den einzelnen Betrieben. Was wir fordern, ist eine klare politische Entscheidung zwischen zwei Leitbildern in der Landwirtschaft, die sich diametral gegenüberstehen. Wir fordern eine klare Abkehr vom Leitbild einer Ressourcen verschlingenden High-Input-Landwirtschaft. Sie dient nicht uns Menschen, sondern in erster Linie dem Kapitalmarkt. Bauen wir stattdessen auf eine soziale und umweltverträgliche Bio-Landwirtschaft als Leitbild für eine Agrarkultur 2100.
Eröffnungsrede als Download:
Literatur
Downloads
|