Zum Buch „Der große Bio-Schmäh“
Die zentrale Frage nach der Lektüre des Buches „Der große Bio-Schmäh“ ist: In welcher Weise dient es der Weiterentwicklung der biologischen Landwirtschaft in Österreich?
Der Autor betont stets, dass es ihm vor allem darum geht, dass sich die biologische Landwirtschaft auf einem richtigen Weg weiterentwickelt.
Der Autor zeigt in seinem Buch verschiedene Beispiele der bio-landwirtschaftlichen Praxis auf und bewertet diese des öfteren als „Konventionalisierung“ der Bio-Landwirtschaft. Dient dies der Weiterentwicklung der biologischen Landwirtschaft?
- Nein. Im Gegenteil. Das Buch dient eher der Verunsicherung der KonsumentInnen. Bereits der Titel kann leicht so gelesen werden, als ob Bio prinzipiell ein Schmäh sei. Der gewälte Titel führt in die Irre. „Der große Bio-Schmäh“ impliziert, dass die Produktionsart „Bio“ eine Lüge ist. Richtig ist: Die Bezeichnung „aus biologischer Landwirtschaft“ gibt Auskunft über ein klar definiertes landwirtschaftliches Produktionssystem. Es handelt sich dabei um das am strengsten geregelte und kontrollierte System der Lebensmittelerzeugung.
- Die im Buch häufig verwendete Bewertung „Konventionalisierung“ trägt weiters zu einer Verunsicherung der KonsumentInnen bei. Oberflächliche Bewertungen der landwirtschaftlichen Praxis wie „klein ist gut“ und „groß ist schlecht“ und „früher war besser“ dienen weder einer fundierten sachlichen Diskussion noch schaffen sie Aufklärung bei den KonsumentInnen.
- Bei der vom Autor beklagten Schein-Wirklichkeit der Werbung handelt es sich keineswegs um ein bio-spezifisches Thema, sondern vielmehr um ein generelles Problem. Werbung arbeitet mit überhöhten Bildern und verkürzten Botschaften. Auch der Autor bzw. sein Verlag arbeitet mit denselben Marketingmitteln, indem er einen plakativen Titel wählt, der, weil skandalverdächtig, Aufmerksamkeit erzeugt und nimmt dafür eine Irreführung der LeserInnen in Kauf. Die von ihm zugespitzten Formulierungen im Buch wie z.B. „Kühe in Ketten gelegt“ dienen wenig der sachlichen Auseinandersetzung sondern emotionalisieren ähnlich wie die von ihm so scharf kritisierte Werbesprache.
- Wir betrachten es kritisch, dass in der Werbung Bilder von Landwirtschaft gezeichnet werden, die der Wirklichkeit nicht entsprechen und KonsumentInnen enttäuscht zurücklassen. BIO AUSTRIA sieht es daher als seine Aufgabe, umfassend über die Leistungen der Bio-Landwirtschaft zu informieren.
- Die Vermittlung der Realität der Lebensmittelproduktion erachten wir generell für notwendig, um KonsumentInnnen eine realistische Einschätzung der bäuerlichen Realität und somit bewusste Kaufentscheidungen zu ermöglichen. BIO AUSTRIA bekennt sich zu einer modernen Bio-Landwirtschaft, die als Leitbild für eine Agrarkultur der Zukunft stehen kann.
- Sowohl BIO AUSTRIA als auch die Bio-Marken der großen Handelsketten bieten im Internet und in Form von Broschüren entsprechende Informationen an. Das persönliche Gespräch mit den Biobäuerinnen und Biobauern bietet aber mit Sicherheit die beste Möglichkeit, um sich selbst ein Bild von der biobäuerlichen Produktionsmethode zu verschaffen.
Sind die Unterschiede zwischen der biologischen Landwirtschaft und der konventionellen Landwirtschaft gar nicht so groß, wie der Autor im Buch immer wieder behauptet?
- Die beiden Landwirtschaftssysteme sind nicht miteinander zu vergleichen. Die Bio-Landwirtschaft hat klare Prinzipien, die der konventionellen Landwirtschaft diametral gegenüber stehen. Wie zum Beispiel: Wirtschaften in möglichst geschlossenen Kreisläufen, möglichst geringer Einsatz von Fremdenergie, artgerechte Tierhaltung, Verzicht auf leicht lösliche mineralische Düngemittel, Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel.
- Diese Prinzipien werden heruntergebrochen auf in der Praxis umsetzbare Richtlinien/Standards für alle landwirtschaftlichen Produktionsbereiche und die Verarbeitung. Diese Richtlinien für die Praxis sind in der EU-Bio-Verordnung 834/2007 und 889/2008 für alle biologisch wirtschaftenden Betriebe in der Europäischen Union geregelt. Als gesetzlicher Rahmen gelten sie für große Bio-Betriebe genauso wie für kleine, für Biohöfe im Westen genauso wie für jene im Osten.
- Die Bio-Richtlinien legen weiters klar fest, dass sich die Bio-Lebensmittelerzeugung nicht ausschließlich auf kleinste bäuerliche Betriebe und bäuerliche Lebensvermittelverarbeitung sowie die Vermarktung über Direktvermarktung und Bio-Läden beschränkt. So sehr BIO AUSTRIA diese Vermakrtungsformen für wichtig erachtet und unterstützt, könnten sie alleine den Anforderungen der heutigen Gesellschaft nicht gerecht werden.
- Zahlreiche Bio-Verbände schreiben ihren Mitgliedern auf nationaler oder regionaler Ebene strengere Richtlinien vor als diese von der EU gesetzlich definiert wurden. So gehen auch die Richtlinien von BIO AUSTRIA weit über die gesetzlichen Vorschriften hinaus.
- Die biologische Landwirtschaft ist kein starres System, das am Endpunkt seiner Entwickung angelangt ist. Im Gegenteil: Aus Sicht der Wissenschaft und Forschung steht die Entwicklung erst am Anfang. Dementsprechend entwickelt BIO AUSTRIA die eigenen Richtlinien laufend weiter und reagiert so auf neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft und dem bäuerlichen Erfahrungswissen. Z.B. das Verbot von CMS-Saatgut (cytoplasmatische männliche Sterilität) bei Gemüse.
- Die Weiterentwicklung der Richtlinien ist innerhalb von BIO AUSTRIA ein ständiger interner Prozess, der alle Beteiligten oft bis zum Äußersten herausfordert, bevor in letzter Konsequenz die Biobäuerinnen und Biobauern neue Standards für BIO AUSTRIA festlegen.
- BIO AUSTRIA bekennt sich zu einer modernen, zukunftsorientierten Bio-Landwirtschaft, die sich nicht mit einem Nischendasein für eine Minderheit (von Bäuerinnen und Bauern sowie Konsumentinnen und Konsumenten) zufrieden gibt.
- Vielmehr steht BIO AUSTRIA für eine moderne, biologische Landwirtschaft, die als Leitbild für eine neue europäische Agrarkultur dienen kann.
- Siehe dazu die programmatische Rede von BIO AUSTRIA-Obmann Rudi Vierbauch anlässlich der Eröffnung der BIO AUSTRIA-Bauerntage 2012:
www.bio-austria.at/agrarkultur2100
Wie kann sich die biologische Landwirtschaft am besten weiterentwickeln? Der Autor bleibt in seinem Buch eine Antwort schuldig.
- Damit sich die biologische Landwirtschaft bestmöglich entwickeln kann, benötigt sie eine hohe gesellschaftliche und agrarpolitische Akzeptanz. Diese macht es erst möglich, dass in die Weiterentwicklung der Bio-Landwirtschaft durch eine kostenintensive Wissenschaft und Forschung investiert wird. Neben dem eigenen Erfahrungswissen der Biobäuerinnen und Biobauern ist eine begleitende Forschung unverzichtbar für den richtigen Fortschritt der biologischen Landwirtschaft. Die österreichische Bio-Landwirtschaft besitzt mittlerweile eine solche breite gesellschaftiche und agrarpolitische Akzeptanz. Sie hat sich in wenigen Jahrzehnten von einer Außenseiterposition zu einer großen Bewegung entwickelt. Über 21.000 Landwirte sind in Österreich mittlerweile auf Bio umgestiegen.
- Bäuerinnen und Bauern müssen auch auf biologisch wirtschaftenden Betrieben ein adäquates Einkommen durch den Verkauf ihrer Produkte erzielen. Dazu benötigen sie einen entsprechenden Markt. Der Einstieg der Supermarktketten in das Bio-Geschäft hat für Bio-Lebensmittel einen breiten Abstatzmarkt geschaffen. Das hat einerseits dazu geführt, dass immer mehr Biobäuerinnen und Biobauern den Umstieg gewagt haben. Andererseits brachten die großen Supermarktketten durch eine intensive Bewerbung der Bio-Eigenmarken einer breiten Konsumentenschicht die Vorzüge von Bio-Lebensmitteln näher.Ohne diese Entwicklung in Österreich wären die wenigen Biobäuerinnen und Biobauern bis heute eine unbedeutende Randgruppe geblieben. Über sie hätte weder jemand ein Buch geschrieben wie das eben vorliegende, noch hätte sich die Wissenschaft und Forschung ihrer Weiterentwicklung angenommen.
Welchen Dienst erweist das Buch der Österreichischen Bio-Landwirtschaft? In Europa werden gegenwärtig die Weichen für eine neue Periode der gemeinsamen Agrarpolitik gestellt, die ab 2013/2014 massiv mitbestimmt, welche Agrarkultur in Europa weiterhin dominiert oder nicht. In diesem Sinne verhandelt Europa heute über die Zukunft unserer lebendigen Ökosysteme und über die Zukunft unserer bäuerlichen Existenzen. Beide sind die Basis für unser aller Lebensmittel und somit die Lebensgrundlage unserer Existenz.Das Buch von Arvay hätte hier einen wichtigen Beitrag genau zum richtigen Zeitpunkt leisten können. Nämlich die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren, dass in der Europapolitik derzeit gerade Entscheidungen mit Langzeitwirkung für uns alle getroffen werden. Es ist das Gebot der Stunde, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass durch das vorherrschende Agrarsystem in den letzten vierzig Jahren ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche weltweit zerstört wurde und weiter zerstört wird. Und damit unsere Lebensgrundlage. Wenn der Aufbau eines Zentimeters fruchtbaren Bodens hundert Jahre und mehr benötigt, dann begreifen wir, dass in diesem Fall späte Erkenntnis vielleicht einmal zu spät sein kann. Der Autor hat diese Gelegenheit nicht wahrgenommen. Damit hat er die wichtige Chance verpasst, jene Themen mit seinem Buch in die öffentliche Diskussion einzubringen, die jetzt der Weiterentwicklung der Bio-Landwirtschaft die bestmögliche Unterstützung geboten hätten.
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