Die biologische Geflügelhaltung bietet den Tieren mehr Möglichkeiten zum Ausleben ihrer spezifischen Verhaltensweisen. Dazu gehören nicht nur das Futteraufnahme-, Ausruh-, und Sozialverhalten, sondern es wird auch dem Bedürfnis nach Bewegung weit besser Rechnung getragen.
Legehennen haben viel Platz
Zwischen der in Österreich erst seit dem letzten Jahr verbotenen Käfighaltung und der im Bio-Bereich vorgeschriebenen Freilandhaltung von Legehennen liegen Welten. Konventionelle Eier können von Hennen aus Bodenhaltung oder Freilandhaltung stammen, in verarbeiteten Produkten können sich aber weiterhin auch Eier aus Käfighaltung aus dem Ausland befinden. Kauft man hingegen Bio-Eier, so weiß man mit Sicherheit, dass diese Eier von Hennen stammen, die ihre Tage im Auslauf verbringen dürfen.
Artgerechter Auslauf.
Im Bio-Hof sind sechs Tiere pro m² Stallfläche erlaubt, im konventionellen Bereich sind es sieben Tiere pro m² Stallfläche. Noch bedeutender aber ist der Auslauf, der Legehennen in Bodenhaltung gar nicht angeboten wird. Hennen in Freilandhaltung müssen zusätzlich zum Stall 8 m² Auslauf zur Verfügung gestellt werden. Legehennen auf BIO AUSTRIA-Betrieben haben sogar 10 m² Auslauffläche pro Tier. Außerdem darf der Auslauf bei BIO AUSTRIA-Betrieben nicht mehr als 150 m vom Stall entfernt sein. Denn ein Auslauf, der nicht an den Stall angrenzt, wird von den Tieren ungern genutzt.
Außerdem müssen Geflügelausläufe Schutz in Form von Bäumen, Büschen oder Ähnlichem bieten. Im Auslauf können Hühner ihre angeborenen Verhaltensweisen am besten ausleben: Scharren in der Erde, Würmer suchen, unterschiedliche Pflanzen fressen, ein Staubbad nehmen, sich je nach Temperatur zum Ruhen in die Sonne oder in den Schatten legen.
Die großen Auslaufflächen sind in Hinblick auf Pflege und die mögliche Belastung mit Parasiten eine Herausforderung, gutes Management ist gefragt.
Legenester und Außenscharrraum.
Vorteile haben Legehennen auf BIO AUSTRIA-Betrieben auch in Hinsicht auf die Ausgestaltung der Legenester: Diese müssen mit natürlichen, verformbaren Materialien ausgestattet sein, was den Hennen das Ausleben des Nestbauverhaltens erlaubt.
Viele Bio-Geflügelställe verfügen über einen so genannten Außenscharrraum. Dabei handelt es sich um einen überdachten, nicht isolierten, eingestreuten Außenklimabereich, der an den Stall angrenzt und an einer oder mehreren Seiten durch Gitter oder Windschutznetze begrenzt wird. Dieser Bereich ist für die Tiere während der täglichen Aktivitätsphase immer zugänglich, bietet den Tieren mehr Bewegungsfläche und Frischluft, vor allem auch bei schlechtem Wetter sowie im Winter.
Bio-Masthühner wachsen langsamer
Für Masthühner in biologischer Landwirtschaft gilt, dass pro m² Stallfläche zehn Tiere gehalten werden dürfen beziehungsweise eine entsprechende Zahl Masthühner mit einem Gesamtgewicht von 21 kg pro m². Konventionell hingegen dürfen Masthühner im Ausmaß von 30 kg/m² gehalten werden, was einer bedeutend höheren Tierzahl pro Fläche entspricht. Außerdem muss biologisch gehaltenen Masthühnern ein Auslauf von 4 m² pro Tier gewährt werden, konventionell gehaltene Masthühner kommen gar nie ins Freie.
Um intensive Aufzuchtmethoden zu vermeiden, schreibt die EU-Bio-Verordnung vor, dass Geflügel entweder bis zum Erreichen eines Mindestalters aufgezogen werden muss oder spezielle langsam wachsende Rassen zum Einsatz kommen müssen. Wenn keine langsam wachsenden Rassen verwendet werden, so dürfen die Tiere erst in einem Alter von 81 Tagen geschlachtet werden, wodurch die Mastdauer gegenüber konventionellen Masthühnern um mindestens ein Drittel verlängert wird.
Krankheiten vorbeugen
Antibiotische Leistungsförderer sind zwar inzwischen auch im konventionellen Bereich verboten, der Einsatz von Kokzidiostatika zur Vermeidung der Kokzidiose ist dort aber weiterhin erlaubt. Der vorbeugende Einsatz dieser Kokzidiostatika im Bio-Bereich ist streng verboten. Biobauern müssen sich der Herausforderung von einer anderen Seite nähern: durch bessere Haltungsbedingungen, kleinere Tiergruppen, bessere Hygiene und robustere Rassen.
Eingriffe.
Ebenso sind tierschutzrelevante Eingriffe im Bio-Bereich weit strenger geregelt. Das Schnäbelstutzen, wie in der konventionellen Legehennenhaltung üblich, um Kannibalismus und Federpicken zu reduzieren, sowie das Kürzen des nach innen gerichteten Zehenendgliedes bei Eintageskücken sind auf Bio-Betrieben prinzipiell nicht erlaubt.
Auch Bio muss besser werden
Doch die Geflügelhaltung im Bio-Bereich ist nicht nur rosarot. Wie überall lässt sich auch hier einiges verbessern, und eine kritische Betrachtungsweise ist in einigen Aspekten dringend notwendig.
Männliche Kücken.
Die Tatsache, dass männliche Kücken aus der Legehennenzucht als Eintageskücken aussortiert und getötet werden, kann aus ethischer Sicht nicht einfach hingenommen werden und entspricht sicherlich nicht dem ganzheitlichen Bio-Gedanken. Die männlichen Kücken werden nicht zur Fleischproduktion verwendet, da sie im Gegensatz zu Kücken von Mastrassen viel zu schlechte Wachstumsleistungen aufweisen und ihre Mast daher nicht wirtschaftlich wäre. Ein möglicher Lösungsansatz für dieses Problem wäre der vermehrte Einsatz von Zweinutzungshühnern. Jedoch reichen Zweinutzungshühner weder in der Lege- noch in der Mastleistung an die spezialisierten Rassen heran, weshalb derzeit kein ernsthaftes Bestreben besteht, in dieser Richtung weiterzuarbeiten.
Fehlende Sitzstangen in der Mast.
Auch kritisch betrachtet werden kann der Verzicht von erhöhten Sitzstangen im Masthühnerbereich. Es entspricht dem natürlichen Verhalten von Hühnern, sich in der Nacht zum Schutz vor Räubern auf Bäume und in Büsche zurückzuziehen. Um das teure Brustfleischstück nicht zu entwerten, müssen aber im Mastgeflügelbereich keine Sitzstangen eingerichtet werden. Denn beim Schlafen stützen sich die Tiere mit ihrer Brust auf die Sitzstange, was zur Bildung einer Blase innerhalb der Brustmuskulatur führt. In der Putenmast trägt man dem Bedürfnis der Tiere nach Rückzugs- und Fluchtmöglichkeit zumindest auf BIO AUSTRIA-Betrieben besser Rechnung – Puten müssen nämlich erhöhte Sitzgelegenheiten angeboten werden.
100 % Bio-Fütterung.
Eine ganz besonders schwer zu lösende Problematik ist die der 100 % Bio-Fütterung. Einerseits sollte für den Bio-Bereich eine Fütterung der Tiere mit 100 % Bio-Futtermitteln selbstverständlich sein. Andererseits ist die Versorgung des Geflügels mit den derzeit in Bio-Qualität verfügbaren Futtermitteln nur schwer bis gar nicht machbar. Das genetisch bedingt hohe Leistungspotenzial der Tiere erfordert eine ausgezeichnete Proteinqualität des Futters, die mit biologisch produzierten Futtermitteln derzeit kaum zu erreichen ist.
Eine Fütterung mit 100 % Bio-Futtermitteln führt daher nicht nur zu niedrigeren Leistungen, sondern vor allem zu erhöhten Ausfällen, schlechterer Fleischqualität und verminderter Tiergesundheit.
Wenn Gesundheit und Wohl der Tiere darunter leiden, so ist die für das Jahr 2012 geplante Umsetzung der 100 % Bio-Fütterung unter derzeitigen Bedingungen und Wissensstand kritisch zu hinterfragen.
Kontakt:
BIO AUSTRIA
Dr. Elisabeth Pöckl
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