Heute werden Schweine kaum noch als Resteverwerter gehalten, und auch eine Weidehaltung findet man sehr selten. Die zunehmende Spezialisierung und die höhere Anzahl an Tieren können im Widerspruch zur Kreislaufwirtschaft stehen. Daher setzt die biologische Schweinehaltung ein hohes Maß an Wissen und Engagement voraus, und ausgeklügelte Haltungssysteme und Betreuung sind notwendig.
Bessere Bedingungen allein sind zuwenig
Eine stetige Verbesserung ist das Ziel. Auch wenn noch viel zu tun ist, bieten die Haltung auf Stroh und freies Abferkeln zwei Grundlagen für wesentliche Verbesserungen im Schweineleben. Die Einhaltung der EU-Bio-Verordnung allein garantiert nicht automatisch ein verbessertes Wohlbefinden der Tiere. Sie gibt Mindestanforderungen vor, die einen Kompromiss zwischen verschiedenen Partnern darstellen.
Die exakten Maße und Bestimmungen werden von Betrieben, die den Bio-Gedanken umfassend leben, oftmals bei weitem überschritten. Die Haltungssysteme werden von ihnen ständig erprobt und weiterentwickelt, so gibt es verschiedenste Varianten der freien Abferkelbuchten, Gruppensäugesysteme, Sauen auf der Weide und ganzheitliche Strategien zur Gesunderhaltung des Betriebes.
Etwas mehr Platz zu haben eröffnet allerdings die Möglichkeit, das Befinden besser auszudrücken. Tiere, die auf engem Raum „stillgehalten“ haben, zeigen nun deutlicher, wie es ihnen geht. So werden etwa Lahmheiten in der Gruppenhaltung sichtbar. Durch die Bewegung wird der Bewegungsapparat mehr gefordert, und Probleme werden früher gesehen. Auch Schwanzbeißen, das durch vielfältige Faktoren wie fehlende Raufuttergabe, Fütterung oder Zucht bedingt ist, kann ein Thema sein.
Die Kunst besteht darin, auf diese Anzeichen rechtzeitig zu reagieren. Nicht, indem man sie unterdrückt, sondern ihren Ursachen nachgeht und diese möglichst ganzheitlich abstellt. Das erfordert oft viel mehr Zeit, Raum und Arbeit als gewohnt und eine gesamtheitliche Betrachtung des Systems Bauernhof – vom Boden, den Pflanzen, Tieren bis zum Menschen.
Die wichtigsten Bereiche
Trächtigkeit
Die Trächtigkeit verbringen Muttersauen in Gruppen von etwa vier bis 70 Sauen. Ein mehr oder weniger stark eingestreuter Liegebereich, eine Aktivitätsfläche und ein Betonauslauf kennzeichnen die österreichische Bio-Haltung. Gruppenhaltung ist für konventionelle Sauen erst ab 2013 verpflichtend vorgeschrieben. Der zusätzliche Auslauf bleibt den Bio-Schweinen vorbehalten, er bietet den Tieren Frischluft, Stimulierung durch verschiedenste Umweltreize, Bewegungs- und Beschäftigungsmöglichkeit und regt zum Kot- und Harnabsatz an. Dadurch bleibt die Luft im Stallinneren sauberer. Die Vorteile des Auslaufes gilt es zu nutzen, auch wenn die Attraktivität der Auslaufflächen noch verbessert werden könnte.
Abferkelbuchten
Die freien Abferkelbuchten können zwar für große Sauen noch immer zu klein sein, stellen aber eine wesentliche Verbesserung zur Haltung im Abferkelkäfig dar. Entsprechend dem Normalverhalten kann sich die Sau umdrehen und den Kot vom Liegebereich trennen. Durch Ferkelnester werden die verschiedenen Temperaturbedürfnisse von Sau und Ferkel berücksichtigt. Das angebotene Stroh nutzt die Sau vor der Geburt zum Nestbau und bietet Ferkeln von klein an Beschäftigung und stellt so eine wesentliche Vorbeuge gegen Schwanzbeißen dar. Gerade in diesem sensiblen Bereich darf nicht mit Stroh gespart werden.
Prinzipiell werden in gut geführten freien Abferkelsystemen gleich viele Ferkel aufgezogen wie in Abferkelkäfigen. Details wie die Anordnung der Buchteneinrichtung, attraktive Ferkelnester, rutschfeste Böden und optimale Betreuung entscheiden über den Erfolg bei freiem Abferkeln. Ein Anteil von zirka 2 % Bio-Schweinen am Schweinemarkt erlaubt bisher keine separate „Bio-Zucht“. Daher kann es durch sehr große Würfe, bis zu 18 Ferkel pro Wurf, erhöhte Verlustraten geben. Auch bei der Zucht auf gute Muttereigenschaften und gute Beine, zwei weitere wichtige Faktoren zum Überleben der Saugferkel, ist noch viel zu tun.
Saugferkel
Diesen werden nur in Ausnahmefällen, beispielsweise bei großen Würfen, wenn es zu Gesichtsverletzungen der Ferkel durch Kämpfe am Gesäuge kommt, die Spitzen der Zähne abgeschliffen, der Schwanz wird nicht kupiert. Männliche Tiere werden bei BIO AUSTRIA ab Oktober 2010 und nach EU-Bio-Verordnung ab 2012 nicht mehr ohne Schmerzmittel kastriert, verschiedene Alternativen werden noch erprobt und diskutiert. Bio-Ferkel dürfen statt der üblichen vier, mindestens sechs Wochen bei der Mutter säugen. Dies bringt dem Landwirt einiges weniger an Ferkeln pro Sau und Jahr, ist aber für die Tiere im Vergleich zum natürlichen Verhalten immer noch recht kurz. Haben sie die Wahl, bleiben junge Schweine etwa vier bis sechs bei der Mutter.
Absetzferkel
Durch die abrupte Umstellung von Milch auf feste Nahrung können Schadbakterien im Darmtrakt leicht Fuß fassen und zu Absetzdurchfall führen. Das Ziel ist vorzubeugen, beispielsweise durch gutes Anfüttern, eine optimale Futterzusammensetzung, eine ausreichende Wasserversorgung oder eine verlängerte Säugezeit. Dies klingt einfacher als es ist, viele Betriebe sehen den Konflikt, rechtzeitig auch mit Antibiotika einzugreifen, ohne aber die Behandlung zur Routine werden zu lassen. Derzeit werden zirka 30 % aller Bio-Absetzferkel vorbeugend mit Antibiotika behandelt.
Bio-Mastschweine
Sie haben mit 2,3 m² Gesamtfläche dreimal soviel Platz wie ihre konventionellen Kollegen und leben oft in Außenklimaställen mit Stroh und Futterautomaten. Bis zur Schlachtung mit etwa 130 kg brauchen Bio-Schweine etwa 130 bis 140 Tage, etwas länger als konventionell üblich. Sonst bestehen wenig Unterschiede, der Transport zum Schlachthof, die Schlachtung selbst und die zur Bezahlung verwendeten Qualitätskriterien wie der Magerfleischanteil entsprechen den konventionellen Bedingungen.
Fütterung
Bis 31. Dezember 2011 sind noch 5 % konventionelle Futtermittel in der Ration erlaubt. Dazu kommt Raufutter in Form von Heu, Gras oder Silage, was nicht nur dem Bedürfnis der Tiere nach Beschäftigung nachkommt, sondern auch in die Fruchtfolge passt und außerdem Geld spart. Allerdings nutzt nur etwa die Hälfte aller Betriebe dieses Potenzial, denn die oft händische Mehrarbeit ist erheblich.
Der Beitrag wurde erstellt von:
Dr. Christine Leeb, DI Florian Bernardi, Universität für Bodenkultur, Wien und
Dr. Werner Hagmüller, LFZ Raumberg-Gumpenstein