„Schädlingsprobleme löst man nicht, indem man mit dem Finger auf andere zeigt!“

Portrait Gasselich Otto
© BIO AUSTRIA / Weinfranz

Bio Austria NÖ und Wien Obmann Otto Gasselich im Interview mit Wilfried Oschischnig (pr-manufaktur) über die Drahtwurm-Debatte, die Umstellerwelle und die Arbeitsschwerpunkte im Jahr 2019.

Herr Obmann Gasselich, derzeit rollt eine hitzige Erdäpfel-Debatte wegen des Drahtwurms durchs Land. Die konventionelle Landwirtschaft beklagt enorme Ernteeinbußen, kündigt für 2019 frühe Engpässe bei heimischer Ware an, und der Ruf nach Mocap 15G wird immer lauter. Wie gestaltet sich die Situation im Biolandbau?

Der Klimawandel und die Trockenheit machen natürlich auch vor dem Biolandbau nicht halt. Da helfen keine Schönrederei und ebenso keine Panikmache: Bei anhaltender Trockenheit steigt der Schädlingsdruck, das ist nun einmal so, und darum sind Fruchtfolgen und geeigneten Anbaugebiete immens wichtig. Von dem her sind unsere Ernteverluste durch den Drahtwurm Gott sei Dank nicht so dramatisch ausgefallen, und die Qualitäten und Mengen einigermaßen zufriedenstellend.

Die Behauptung in manchen Medien, auch im Biolandbau scheitere man am Drahtwurm, scheint demnach übertrieben, oder?

Eines sollten wir bei der ganzen Drahtwurm-Diskussion unbedingt und rasch lernen: Unterschiedliche Landwirtschaftsmethoden lassen sich nicht über einen Kamm scheren, und Schädlingsprobleme löst man nicht, indem man mit dem Finger auf andere zeigt. Auch wenn wir im Biolandbau weniger vom Drahtwurm betroffen waren – wir brauchen in diesem Bereich mehr Forschungsarbeit! Und zwar alle, die gesamte Landwirtschaft! Eine langjährige Forschung, die sich auf ökologische Lösungen konzentriert, wie dies auch im Sinne der Konsumentinnen und Konsumenten ist. Denn ob Bio oder konventionell, wir sitzen beim Klimawandel alle in einem Boot und das lässt sich nicht mit alten synthetischen Pflanzenschutzmitteln, sondern nur mit innovativen, ökologischen Methoden in eine sinnvolle Richtung steuern.

Noch kurz zur Verfügbarkeit der heurigen Erdäpfel-Ernte für die heimischen Konsumentinnen und Konsumenten: Wie lange wird diese ins Jahr 2019 reichen?

Da ziehen wir mit der Bevölkerung und den Marktpartnern selbstverständlich an einem Strang. Biolandbau heißt ja nicht nur Verantwortung für den Klima- und Umweltschutz und das Tierwohl zu übernehmen, sondern vor allem auch eine hochwertige Lebensmittelversorgung und Ernährungssouveränität zu gewährleisten. Uns sind darum immer faire Marktpartnerschaften im Inland wichtiger, als kurzfristiger internationaler Profit. Und so verhält es sich auch bei den Bio-Erdäpfeln: die wird es für die Marktpartner und damit für die heimischen Konsumenten bis in den Mai 2019 hinein geben. Denn nochmals: Irreführende Meldungen und falsche Zahlen sind kein Lösungsansatz für die Drahtwurm-Problematik! Das verunsichert nur den Markt und die Bevölkerung! Wir sollten uns besser gemeinsam für mehr Forschungsarbeit engagieren!

Das Christkindl ist im Anflug und das neue Jahr kommt mit Riesenschritten näher – wie fällt Ihre Bilanz als Obmann von Bio Austria Niederösterreich und Wien für 2018 aus?

Zuerst einmal darf ich diese Frage für ein großes Dankeschön an alle niederösterreichischen und Wiener Biobäuerinnen und Biobauern nutzen, und freilich gilt mein Dank auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Weihnachten ist ja das Fest der Familie – und Bio Austria Niederösterreich und Wien ist eine große Bio-Familie. Eine sehr, sehr große sogar! Heuer durften wir hunderte neue Verbandsmitglieder begrüßen und zählen erstmals über 3.600 Mitgliedsbetriebe. Wir konnten mit dem Verband an der flächenmäßig größten Umstellerwelle in der Geschichte des niederösterreichischen Biolandbaus mitarbeiten, viele zusätzliche Fachberatungen anbieten und einige Impulse am Markt und in der Politik setzen. Denn bei aller Freude: Dieser historische Erfolg muss von allen Seiten erkannt und aktiv gestaltet werden – und da wartet auf unserem Verband, die Politik und die Marktpartner noch sehr viel Arbeit.

Welche Arbeitsschwerpunkte haben Sie sich für das nächste Jahr vorgenommen?

Wichtig ist, dass wir jetzt die Dynamik in der Landwirtschaft und Bevölkerung optimal nutzen. Bio bietet landwirtschaftlichen Familienbetrieben eine echte Zukunftsperspektive und wird von immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten angenommen und nachgefragt. Die Bio-Marktanteile steigen kontinuierlich – wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass wir je einen Marktanteil von 9% im österreichischen Lebensmittelhandel haben werden? Jetzt heißt es diese Dynamik unbedingt mit Maßnahmen in der Veredelung, der öffentlichen Verpflegung, bei der Neuausrichtung der GAP und eben auch in der Forschung zu unterstützen.

Wie kann das beispielsweise bei der Veredelung der Fall sein?

In diesem Bereich sind wir noch immer viel zu sehr ein Rohstofflieferant für den internationalen Markt und damit das schwächste Glied einer langen Wertschöpfungskette. Hier braucht es mehr österreichische und freilich auch mehr niederösterreichische Veredelungsstätten – und diesen Blick möchten wir zukünftig bei den Verantwortlichen im Bund und Land schärfen. Mit neuen, heimischen Lebensmitteln können ja ebenso Arbeitsplätze ‚veredelt‘ werden!

Was ja auch bei einem verstärkten Bio-Einsatz in Großküchen der Fall wäre, oder?

Richtig. Selbiges gilt für die öffentliche Lebensmittel-Beschaffung, für die hunderten Küchen im Bereich der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung: Da gibt es zwar eindrucksvolle Vorzeigemodelle wie die NÖ Landhausküche, aber salopp gesagt – noch immer viel zu viele politische Lippenbekenntnisse und zu wenige Bio-Lebensmittel!

Vieles wird bei Ihren Vorhaben von der Politik und den Marktpartnern abhängen. Planen Sie hier für 2019 eine engere Zusammenarbeit?

Von der GAP, der Forschung, der Veredelung, der Marktentwicklung und fairen Preisgestaltung bis hin zu Gemeinschaftsverpflegung braucht es selbstverständlich immer ein partnerschaftliches Zusammenspiel aller Beteiligten. Darum werden wir uns auch 2019 seitens Bio Austria um einen Bio-Konvent mit der Politik und Wirtschaft in Österreich bemühen. Sprichwörtlich ‚verderben‘ ja viele Köche den Brei: Wenn es aber um Bio geht, sind alle engagierten Köche herzlich eingeladen, kräftig mit ihren Ideen umzurühren an der Zukunft mitzukochen!