Auf der Suche nach einer Vision
Im Februar hat die Europäische Kommission die „Vision für Landwirtschaft und Ernährung“ vorgestellt. Die visionären Aspekte sind darin gut versteckt. BIO AUSTRIA fordert mehr Mut!
Vision ohne Vision
Im Fokus der „Vision für Landwirtschaft und Ernährung“ stehen die Bereiche Vereinfachung, Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Digitalisierung. Ohne Zweifel sind diese Bereiche von großer Bedeutung für die europäische Land wirtschaft. Was fehlt, ist aber ein tiefergehender systemischer Ansatz. Die Bedeutung einer nachhaltigen Landwirtschaft wird zwar betont – und hier wird auch immer wieder die Bio-Landwirtschaft als Beispiel genannt –, der Zugang zu Nachhaltigkeit ist aber sehr oft ein technischer. Sprich: Innovation und technischer Fortschritt werden das Nachhaltigkeitsthema lösen. Auch die neue Gentechnik soll hier eine relevante Rolle spielen, um die Landwirtschaft „klimafit“ zu machen. Dieser Ansatz greift auf alle Fälle zu kurz und verkennt die Chancen, die etablierte nachhaltige Landwirtschaftssysteme wie die Bio-Landwirtschaft und andere agrarökologische Systeme im Bereich Klimawandelanpassung bieten. Nichts-destotrotz gibt es auch positive Aspekte in der Vision.
Bio steht für Nachhaltigkeit
Die biologische Landwirtschaft wird in mehreren Unterkapiteln als Beispiel für eine funktionierende nachhaltige Landwirtschaft genannt. Es wird die Rolle von Bio für die Erbringung von Ökosystemleistungen und für die Bodengesundheit betont. Die EK stellt außer Zweifel, dass diese Leistungen entsprechend honoriert werden müssen. Die Vision spricht sich klar dafür aus, dass eine kontinuierliche Unterstützung der biologischen Landwirtschaft weiterhin unerlässlich ist. Auch in Zusammenhang mit einer nachhaltigen öffentlichen Beschaffung und den Absatzförderungen der EU wird Bio ausdrücklich erwähnt. Außerdem dient Bio als Beispiel in Zusammenhang mit dem Vereinfachungspaket in der GAP: Vereinfachungen und Straffungen der Anforderungen für landwirtschaftliche Betriebe sollen auch den unterschiedlichen landwirtschaftlichen Praktiken, wie beispielsweise der Bio-Landwirtschaft, besser Rechnung tragen. Das könnte bedeuten, dass Bio-Betrieben, durch ihren Status als zertifiziert nachhaltig wirtschaftende Betriebe, Vereinfachungen bei allgemeinen Verpflichtungen in der GAP zu Gute kommen werden.
In Österreich bewirtschaften 26,6 Prozent der Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter unter 40 Jahren einen Bio-Betrieb.
Bio und Hofnachfolge
Für den Generationenwechsel in der Landwirtschaft wird die biologische Landwirtschaft als wichtiger Hebel gesehen, um die Hofnachfolge in der EU attraktiver zu gestalten und das Problem der Überalterung zu entschärfen. In Österreich bewirtschaften 26,6 Prozent der Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter unter 40 Jahren ihren Betrieb biologisch. Zum Vergleich: Bei den über 40-Jährigen sind es mit 23 Prozent um 3,6 Prozent weniger. Hier zeigt sich eine eindeutige Tendenz, die die Kommission auf europäischer Ebene besser nutzen möchte. Klar ist, dass die Attraktivität von Bio auch stark mit den allgemeinen Rahmenbedingungen für die biologische Wirtschaftsweise zusammenhängt: Wenn die Rahmenbedingungen Bio gut unterstützen, kann die Wirtschaftsweise ihre Attraktivität für Junglandwirtinnen und Junglandwirte voll entfalten.
„Der Druck auf das Agrarbudget steigt durch die aktuellen geopolitischen Entwicklungen stark an.“
Budget als Fragezeichen
Eine Schlüsselfrage für die Umsetzung der „Vision für Landwirtschaft und Ernährung“ ist: Wie schaut das Budget für die GAP ab 2028 aus? Hierauf gibt es noch keine Antwort. Die Vision spart diesen wichtigen Punkt konsequent aus. Ein erster Entwurf der EK für den mehrjährigen Finanzrahmen (MFF) soll diesen Sommer fertig sein. Es ist nicht absehbar, dass die Finanzmittel für den Bereich Landwirtschaft steigen werden. Im Gegenteil: Der Druck auf das Agrarbudget steigt durch die ak tuellen geopolitischen Entwicklungen stark an. Finanzmittel von nicht-öffentlichen beziehungsweise privaten Akteuren sollen in Zukunft daher eine stärkere Rolle spielen.
Mehr Mut gefordert
Für BIO AUSTRIA ist klar: Um das Potenzial von Bio voll ausschöpfen zu können, muss es wieder eine eigene Einheit für die biologische Wirtschaftsweise im Europäischen Rechtsrahmen geben. Sie ist derzeit das einzige nachhaltige Produktionssystem, das durch EU-Gesetzgebung geregelt ist. Die biologische Landwirtschaft muss in der GAP ab 2028 Priorität haben.
BIO AUSTRIA erachtet folgende Prinzipien für die GAP ab 2028 als essenziell:
- Gesamtbetrieblichen und systemischen Ansatz etablieren
- Angemessene Honorierung proportional zu den Leistungen sicherstellen
- Mindestdotierung für Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen erhöhen
- Vereinfachung und Entbürokratisierung umsetzen
- Stellung der Bäuerinnen und Bauern am Markt stärken
Als konsequente Weiterentwicklung der aktuellen GAP-Architektur und im Sinne der Vereinfachung schlägt BIO AUSTRIA für die GAP ab 2028 folgendes Modell vor:
- Die bisherigen Mittel für die Direktzahlungen und das Agrarumweltprogramm verschmelzen zu einem Fördertopf.
- Es gibt eine betriebsbezogene Basismaßnahme, die auf der Grundlage sozioökonomischer Kriterien das Einkommen von Betrieben gezielt unterstützt.
- Betriebe können zwischen drei verschiedenen Stufen von flächenbezogenen Maßnahmen wählen. Jede Stufe enthält ein Paket von aufeinander abgestimmten gesamtbetrieblichen, systemischen Bewirtschaftungsmaßnahmen. Die Auflagen der Einstiegsstufe übernehmen die Aufgabe der bisherigen Konditionalität, gehen aber darüber hinaus. Von Stufe zu Stufe steigen die Umweltwirkung sowie der Mehraufwand und damit auch die Honorierung.
- An der Spitze des Stufenmodells steht die biologische Wirtschaftsweise. Sie ist die einzige in der EU gesetzlich geregelte Form der nachhaltigen Landwirtschaft und hält den umfassendsten Auflagenkatalog, nämlich die Bio-Verordnung, ein.
Alle weiteren Leistungen der landwirtschaftlichen Betriebe sollen durch entsprechende Top-ups zur jeweiligen Stufe abgegolten werden. Top-ups sind Maßnahmen, die am Betrieb oder auf der Fläche mit den Maßnahmenpaketen der jeweiligen Förderstufen kombiniert werden können. Neben dem Ausgleich für erschwerte Wirtschaftsbedingungen im benachteiligten Gebiet betrifft dies Bereiche, von denen die Landwirtschaft insgesamt auf dem Weg zur Ökologisierung profitiert.
Für die GAP ab 2028 braucht es Mut zur entschlossenen Weiterentwicklung der aktuellen Instrumente. Die ist notwendig, um die Landwirtschaft bei der Bewältigung der anstehenden Herausforderungen zu unterstützen.
Bio ist visionär
Auch wenn die „Vision für Landwirtschaft und Ernährung“ weniger ambitioniert ist als erhofft, wird die biologische Landwirtschaft eine wichtige Rolle spielen, um die europäische Landwirt-schaft zukunftsfit zu machen. Bio be-dient die Kernelemente, auf die in der Vision fokussiert wird, sehr gut:
- Bio ist innovativ: Viele Innovationen und Praktiken, die im Bio-Sektor entwickelt wurden, kommen schon jetzt auch dem konventionellen Sektor zugute.
- Bio ist nachhaltig: Bio verbindet Ökologie, Ökonomie und Soziales wie keine andere Wirtschaftsweise.
- Bio ist wettbewerbsfähig und ein Garant für Versorgungssicherheit.
- Bio ist eine attraktive Zukunftsoption für Junglandwirtinnen und Junglandwirte.
- Und vor allem: Bio ist die „einfache Option“, wenn es um die Umstellung auf nachhaltige Ernährungssysteme geht: Bio wurde durch Biobäuerinnen und Biobauern selbst entwickelt, ist etabliert und genießt hohes Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten.
Darauf gilt es aufzubauen!