Vom Brutei zum Mastküken: Erfolgreicher Schlupf im Stall

Veröffentlicht am 11. September 2026
© Birgit Spindler, Tierärztliche Hochschule Hannover

Schlupf im Stall (On-Farm Hatching) ist eine Alternative zum klassischen Schlupf in der Brüterei. Dabei werden Bruteier etwa am 18. Bebrütungstag in den vorbereiteten Maststall gebracht. Die Küken schlüpfen dort zwischen dem 19. und 21. Bruttag und haben anschließend direkten Zugang zu Futter und Wasser.

Ein Projekt mit acht Praxisbetrieben hat das Verfahren über mehrere Mastdurchgänge begleitet und Chancen, Anforderungen und mögliche Risiken untersucht.

Schlupf im Stall oder in der Brüterei?

In der klassischen Brüterei schlüpfen die Küken innerhalb eines Schlupffensters von etwa 24 bis 48 Stunden. Anschließend werden sie kontrolliert, sortiert und gegebenenfalls geimpft. Der Transport zum Mastbetrieb erfolgt in Kükenkisten ohne Futter und Wasser.

Beim Schlupf im Stall entfallen diese Transport- und Handlingprozesse. Die Küken bleiben von Anfang an in ihrer späteren Haltungsumgebung. Praxiserfahrungen zeigen, dass sie nach etwa zehn Stunden erstmals Futter und nach rund 16 Stunden Wasser aufnehmen.

Auch das Verhalten ist auffällig: Im Stall geschlüpfte Herden sind häufig deutlich ruhiger. Untersuchungen zu Stresshormonen weisen zudem darauf hin, dass das Verfahren das Stressniveau in der frühen Lebensphase reduzieren kann.

Welche Schlupfsysteme gibt es?

In der Praxis kommen unterschiedliche Systeme zum Einsatz:

  • X-Treck-System: Die Bruteier werden automatisch in den Stall transportiert und erhöht gelagert. Nach dem Schlupf gelangen die Küken auf den Stallboden; Eierschalen und nicht geschlüpfte Eier werden automatisch entfernt.
  • Schlupf auf Horden: Die Eierhorden werden direkt auf einer vorbereiteten Fläche in der Einstreu platziert und nach dem Schlupf wieder entfernt.
  • Spänenest-Systeme: Die Bruteier werden maschinell in vorbereitete Spänenester eingebracht.

Horden- und Spänesysteme benötigen weniger Technik, verursachen aber einen höheren Arbeitsaufwand.

Stallvorbereitung: Das sind die wichtigsten Bedingungen

Für eine hohe Schlupfrate müssen im Stall optimale Brutbedingungen herrschen. Entscheidend sind insbesondere:

ParameterEmpfehlung
Raumtemperaturmind. 30–32 °C, optimal 34–35,5 °C
Bodentemperaturmind. 27–30 °C, optimal 29–32 °C
Luftfeuchtigkeit40–60 %
CO₂-Gehaltunter 3.000 ppm

Temperatur, Luftfeuchtigkeit und CO₂ müssen kontinuierlich überwacht werden. Bei Bedarf ist Stoßlüften erforderlich. Die Eier dürfen weder Zugluft noch niedrigen Temperaturen oder starker Wärmeeinstrahlung ausgesetzt sein.

Bei Schlupfhorden in der Einstreu empfiehlt sich eine isolierende Unterlage, beispielsweise aus dicker Pappe. Zwischen den Horden sollten 5 bis 10 cm Abstand liegen, damit sich Küken nicht einklemmen.

Bruteier richtig anliefern

Vor der Lieferung sollte geklärt werden, ob die Eier geschiert und abgestorbene Embryonen bereits in der Brüterei aussortiert wurden. Nicht geschierte Eier können den Anteil nicht geschlüpfter Eier erhöhen – diese können bis zu 14 % ausmachen.

Solche Eier stellen ein Hygienerisiko dar und erhöhen den Arbeitsaufwand. Bei der Anlieferung müssen die Eier außerdem mit dem spitzen Ende nach unten liegen. Die Schlupfhorden sollten so beschaffen sein, dass Küken weder verletzt werden noch stecken bleiben können.

Schlupf überwachen und Küken kontrollieren

Eine kontinuierliche Kontrolle der Eischalentemperatur (36-36,5 °C, max. 38 °C) ist für den Schlupferfolg besonders wichtig. Sensoren ermöglichen teilweise auch eine Überwachung per App.

Während des Hauptschlupfes haben sich mindestens vier Kontrollgänge pro Tag bewährt. Von einer aktiven Schlupfhilfe bei einzelnen Küken wird in der Praxis meist abgesehen, da sie häufig nicht erfolgreich ist.

Besondere Vorsicht ist bei Fußbodenheizungen erforderlich: Temperaturänderungen wirken hier verzögert und können dazu führen, dass die Eier überhitzen.

Im Stall sind Schlupfraten von etwa 97 % ± 2 % realistisch. Nach dem 21,5. Bruttag werden nicht geschlüpfte Eier, Steckenbleiber, Eierschalen und Schlupfhorden aus dem Stall entfernt. Nicht geschlüpfte Embryonen und lebensschwache Küken müssen tierschutzgerecht behandelt und gegebenenfalls unter Betäubung getötet werden.

Hygiene und Entsorgung

Bei Systemen mit direkter Ablage in Spänen verbleiben Eierschalen in der Einstreu. Deshalb ist eine konsequente Trennung der verschiedenen Materialien wichtig.

Brüterei- und Ei-Nebenprodukte sowie getötete Eintagsküken ohne Krankheitsverdacht gehören zur Kategorie 3. Tot in der Eischale liegende Küken zählen dagegen zur Kategorie 2. Werden Materialien vermischt, gilt die höhere Risikokategorie.

Impfungen und Gesundheitsvorsorge

Auch beim Schlupf im Stall ist ein abgestimmtes Impfprogramm erforderlich. Impfungen, die üblicherweise in der Brüterei erfolgen – beispielsweise gegen Infektiöse Bronchitis, Mareksche Krankheit oder Kokzidiose – müssen beim On-Farm Hatching in enger Abstimmung mit der betreuenden Tierarztpraxis organisiert werden.

Die frühe Aufnahme von Futter und Wasser ist aus Tierschutzsicht ein Vorteil. Gleichzeitig können dadurch höhere Startgewichte entstehen. Besonders bei schnell wachsenden Masthühnern sollte deshalb das Sieben-Tage-Gewicht als Tierwohlindikator berücksichtigt und die Starterfütterung gegebenenfalls angepasst werden.

Fazit: Schlupf im Stall ganzheitlich betrachten

Der Schlupf im Stall bietet deutliche Vorteile: Küken erhalten früh Zugang zu Futter und Wasser, Transport- und Handlingprozesse entfallen und die Anpassung an eine neue Haltungsumgebung wird vermieden.

Das Verfahren stellt jedoch hohe Anforderungen an Management und Fachwissen. Eine sorgfältige Stallvorbereitung, kontinuierliche Kontrolle der Brutbedingungen und konsequente Hygiene sind entscheidend. Auch der Umgang mit nicht geschlüpften Eiern, Steckenbleibern und lebensschwachen Küken erfordert besondere Sachkunde.

Zudem muss das Verfahren über die Schlupfphase hinaus betrachtet werden: Die frühe Futteraufnahme kann zu höheren Startgewichten führen. Eine angepasste Fütterungsstrategie kann deshalb notwendig sein.

Wichtig: Vor der Einführung des Verfahrens sollten die rechtlichen und tierschutzrechtlichen Anforderungen mit der zuständigen Behörde beziehungsweise dem Amtstierarzt oder der Amtstierärztin abgestimmt werden.

Autorin: Birgit Spindler, Tierärztliche Hochschule Hannover

Der Artikel in der Originalfassung ist in der BIO AUSTRIA Zeitung, Ausgabe 4/2026 zum Schwerpunkt „Jungtiere“ erschienen:

E-Paper: https://heyzine.com/flip-book/6b932f5bcd.html

Praxistipp:

Leitfaden „Schlupf im Stall“

Der ausführliche Leitfaden „Schlupf im Stall“ erklärt anhand von Bildern die wichtigsten Faktoren, Kontrollpunkte und Stellschrauben für die praktische Umsetzung. Er dient als Managementhilfe für Betriebe, die das Verfahren einsetzen möchten: http://Leitfaden Schlupf im Stall

Projekt: Das Vorhaben war Teil der Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz im Bundesprogramm Nutztierhaltung. Acht Praxisbetriebe wurden über mehrere Mastdurchgänge begleitet. Die Förderung erfolgte aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft und Heimat (BMELH).