Viele kleine Dinge verändern die Welt

Wir lesen vom globalen Artensterben, wir hören von der weltweiten Biodiversitätskrise und wissen, dass das nicht gut ist. Wirklich betroffen macht es uns, wenn wir dieses Thema im eigenen Erfahrungsbereich reflektieren. Wir alle können dazu Geschichten erzählen – ich mache es an zwei persönlichen Erfahrungen fest. 

Wie es war

Vor vielen Jahren gab es im Nahbereich unseres Hauses eine magere Wiese mit bunten Blumen und Kräutern, von welcher wir den Muttertagsblumenstrauß so üppig und vielfältig pflücken konnten, dass mir die Bilder bis heute in Erinnerung sind. Würde ich 2021 von dieser Wiese einen Blumenstrauß binden, er wäre gelb und bestünde überwiegend aus Hahnenfuß. Düngung, Schnitthäufigkeiten und das Bestreben nach Ertragssteigerung haben über viele Jahre hinweg ihre Spuren hinterlassen.

Weiters erinnere ich mich gut an die vielen Kröten, die sich im Frühling ihren Weg zum Teich in unserem Dorf gesucht haben. Diese Massenwanderungen haben alle meine Sinne angesprochen: Ich sah große Weibchen, die kleine Männchen auf den Rücken trugen, ich konnte Tag und Nacht das Quaken hören, ich fand es spannend, die feuchten Tiere zu berühren und es grauste mich vor dem Geruch der überfahrenen Tiere, welche blutig auf der Straße lagen. Seit Jahren werden bei uns keine Kröten mehr von den Autos getötet, nicht weil die Autos weniger geworden wären – es gibt keine Tiere mehr, die den Weg zum Teich suchen.

Es ist auch mein Lebensstil, der beigetragen hat, dass sich die Welt dahingehend verändert hat. Ich habe mich mitschuldig gemacht und bin mir bewusst, dass ich gefordert bin, meinen Beitrag zur Verbesserung zu bringen. So wie es die vielen kleinen Veränderungen sind, die zur globalen Biodiversitätskrise beigetragen haben, so muss es auch die Summe der kleinen positiven Beiträge sein, die Sache im Großen wieder zu verbessern.

100 Punkte fürs Ganze

Bio-Landbau und der Erhalt der Artenvielfalt gehören wie Geschwister zusammen. Dass sich der Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel positiv auf die Biodiversität auswirkt, ist bekannt. Die biologische Wirtschaftsweise ist ein großer Vorteil für die Artenvielfalt und damit eine wichtige Grundlage für das Funktionieren vieler Prozesse in der Natur. Dafür werden im BIO AUSTRIA Biodiversitätsrechner 100 Punkte vergeben.

Artenreiche Lebensräume können sich besser an Umweltveränderungen anpassen, nicht zuletzt deshalb lohnt es sich auch im Bio-Landbau, diese Stärke noch weiter auszubauen. Wenn man einzelne Höfe isoliert betrachtet, kann der eine mehr, der andere weniger auf die Waagschale geben. Um das Engagement jedes einzelnen Bio-Betriebes nachvollziehbar und belegbar zu machen, hat die Delegiertenversammlung im April dieses Jahres den Startschuss für das Monitoring von Biodiversitätsmaßnahmen auf BIO AUSTRIA Betrieben gegeben. 

Mitgliedsbetriebe machen zusätzliche Leistungen für die Biodiversität mittels digitalem Berechnungssystem sichtbar, weitere 100 Punkte werden dafür im Minimum erreicht. Im Rahmen von Bewirtschaftung und Kultivieren entscheidet jeder u d jede individuell über die wirkungsvollsten und sinnvollsten Maßnahmen auf dem Betrieb Das wird auf breite Anerkennung stoßen, zumal wir die Konsumentinnen und Konsumenten gerne darüber informieren. Das Vertrauen in der Gesellschaft, dass BIO AUSTRIA Betriebe ehrlich und kompetent für Umweltschutz und Biodiversität stehen, wird dadurch weiter steigen. 

Jeder Puzzlestein ist wichtig

Je wirkungsvoller Handlungen sind, desto größer sind die Puzzleteile. Es sind aber auch die vielen unscheinbaren Beiträge, die Erfolge bringen. Wenn das Ausfüllen des Biodiversitätsrechners nicht als lästige Pflicht, sondern als interessante Gelegenheit gesehen wird, um auch die kleinen Beiträge zu bewerten, dann kann das sehr viel Freude, Selbstbewusstsein und Zufriedenheit mit der eigenen Wirtschaftsweise bringen. 

Als Geschäftsführerin von BIO AUSTRIA bewirtschafte ich leider nur 2 m2 Schreibtisch. Mein Beitrag ist, die Konsumentinnen und Konsumenten über die Vorzüge der biologischen Landwirtschaft, die Besonderheit der Bio-Lebensmittel und die Verdienste der Biobauern und Biobäuerinnen in Sachen Biodiversität zu informieren. Wir werden auch nicht müde, die Honorierung dieser Leistungen in den ÖPUL-Verhandlungen einzufordern und eine gerechte Entlohnung zu verlangen.

Als Konsumentin kann ich mit meinem Einkauf viel bewirken und als Hobbygärtnerin präge ich meinen kleinen Lebensraum. Als im vorigen Frühsommer sogar ein Wiedehopf über meine Terrasse gehüpft ist, war ich stolz und motiviert. Meine Beiträge sind winzig klein, eure Beiträge dagegen sind groß und wirkungsvoll. „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, dann können wir das Gesicht der Welt verändern,“ sagt ein afrikanisches Sprichwort. Durch die Richtlinie zur Förderung der Biodiversität auf den BIO AUSTRIA Betrieben soll jedenfalls die weitere Entwicklung in die richtige Richtung vorangetrieben werden. Der Zeitplan zur Umsetzung erlaubt es allen BIO AUSTRIA Betrieben, den Weg mitzugehen.

Autorin: DI Susanne Maier ist Bundesgeschäftsführerin von BIO AUSTRIA.