„Mir ist eine dominant vererbende Kuhfamilie sehr wichtig“

Franz Bicker ist Biobauer und Rinderzüchter aus Bergland in Niederösterreich. Unsere Bio-Beraterin Agnes Scheucher aus Niederösterreich sprach mit ihm über seine Zuchtstrategie, die Bedeutung von Kuhfamilien und warum eine sichere, bewährte Genetik wichtig ist.

Wann hast du bewusst mit der Zucht begonnen?

Bicker: Die Züchtung, speziell die Tierzucht, hat mich immer schon interessiert. Versammlungen, Versteigerungen, Rinderschauen und Vorträge waren ein Pflichttermin für mich. Mir wurde relativ schnell klar, dass in einer erfolgreichen Rinderzucht eine Kuhfamilie einen besonderen Stellenwert hat. Die Zuchtqualität einer Kuhfamilie kombiniert mit besten Vererbern sorgt meiner Einschätzung nach für einen maximalen Erfolg. Ich hatte und habe das Glück mit einer überragenden Kuhfamilie zu arbeiten. Dieser L-Kuhstamm ist seit den 1970ziger Jahren bei uns am Betrieb beheimatet und mittlerweile gehen zwei Drittel der Herde auf diese Kuhfamilie zurück. Diese Qualitäten der Kuhfamilie blieben nicht unentdeckt. L-Kühe wurden höchst erfolgreich ausgestellt, waren Bundeseuterchampion und Landessieger und wurden für das Zuchtprogramm genutzt. Ich war mit den Töchtern dieser gezielten Paarungen allerdings nicht zufrieden. Es wurde mir einfach zu viel spekuliert. Ich wollte wieder höchste Sicherheit haben und beschloss, 80 Prozent der Besamungen mit sicheren, geprüften Stieren durchzuführen. Für mich gibt es auch keine alte und junge Genetik, sondern nur gute und schlechte Genetik!

Worauf schaust du besonders?

Bicker: Wie bereits erwähnt, ist mir eine dominant vererbende Kuhfamilie sehr, sehr wichtig. Mittlerweile wird mir auch immer mehr bewusst, wie entscheidend sicher geprüfte Stiere für Anpaarungen sind. Ich will nicht wie an der Börse spekulieren mit jungen, genomischen Jungstieren, sondern ich will als Bauer maximale Sicherheit bei der Anpaarung. Mich interessiert auch nicht der maximale, geschätzte, errechnete Zuchtfortschritt beziehungsweise Gesamtzuchtwert. Ich will auch nicht mehr die Leistung großartig steigern. Ich als Biobauer will stoffwechselstabile, gesunde und fruchtbare Kühe, welche von Laktation zu Laktation ihr Leistungspotential ausschöpfen und schlussendlich eine hohe Lebensleistung erbringen. Dies schaffe ich nur durch sichere, bewährte Genetik. Wir setzen auch noch Stiere ein, welche bei uns erfolgreiche Kühe hinterlassen haben und schon ziemlich alt sind.

Ist dir Hornlosigkeit wichtig?

Bicker: Natürlich ist auch für uns die Zucht auf Hornlosigkeit interessant. Allerdings ohne Kompromisse einzugehen hinsichtlich Leistungsbereitschaft und Exterieur. Ich holte mir in der Vergangenheit das Hornlosgen von den Red Holsteins. Ich war von den früher angebotenen Fleckviehstieren dieser Zuchtrichtung einfach nicht überzeugt. Dafür habe ich zu lange meine Kuhfamilien züchterisch bearbeitet, um in einer Generation alles aufs Spiel zu setzen und zu riskieren, dass die Leistung und das Exterieur der Kühe nicht passen. Mein Resümee aus dem Einsatz der hornlosen Red Holstein-Stiere fällt überaus positiv aus. Und mittlerweile sind auch schon um die 20 Prozent der Herde genetisch hornlos. Die Herdbucheinstufung ist für uns kein großes Thema, da ich nicht das Ziel verfolge, Tiere für den Export zu züchten. 

Wie definierst du deine Zuchtstrategie?

Bicker: Linienzucht in Richtung Lebensleistungszucht. Eine Kuh ist erst ab dem vierten Kalb erwachsen und dann kann sie auch ordentlich Milch geben. Die Einsatzleistung beim ersten Kalb ist also für mich nicht das Wichtigste. Ich bin überzeugt, dass wir speziell in Bio unsere eigenen Linien erhalten und weiterentwickeln müssen. Wir hätten noch diese guten Kuhlinien. Auf diese müssen wir schauen, dass wir sie erhalten und weiterentwickeln. Ich bin auch Mitglied bei EUNA, der Europäischen Vereinigung für naturgemäße Rinderzucht – das ist ein ganz wichtiges Projekt, aber auch die Bio-Verbände sollten das unterstützen.

Ist deine Zuchtrichtung auch für Vollweidebetriebe, Low-Input-Betriebe oder Bergbauernbetriebe geeignet?

Bicker: Diese Betriebe brauchen genau die gleiche Genetik wie ich. Sie wollen ebenfalls stabile, langlebige Kühe, die stoffwechselstabil sind. Ich setzte auch Stiere ein, die im Leistungsbereich nicht zur Spitze gehören und bin mit den Nachkommen sehr zufrieden. Entscheidend ist immer die richtige Wahl des Stieres für die jeweilige Kuh.

Wo muss sich aus deiner Sicht etwas ändern?

Bicker: Mir wird immer mehr bewusst wie wichtig die Meinung von uns Landwirten wird. Wir als Praktiker wissen am allerbesten, was wir brauchen. Wir müssen die Zucht selbst gestalten und die Zucht muss in bäuerlicher Hand sein. Wir müssen auch wieder auf eine breite Linienführung achten. Linien, die spätreife Nachkommen züchten, verschwinden zusehends aufgrund der aktuellen Zuchtpolitik. Es zählen nur noch geschätzte Zahlen und Frühreife. Wir müssen wie in der Pflanzenzucht unsere Genetik selbst bearbeiten. In Zukunft wird es wahrscheinlich nur noch Stiere geben, welche aus Embryotransfer stammen. Wir im biologischen Landbau dürfen keinen Embryotransfer durchführen, das heißt, unsere Genetik stammt dann aus rein konventioneller Zucht. Das kann nicht unser Zugang sein!