Biodiversität leben – Zwei Biohöfe in Oberösterreich zeigen, wie es geht
Artenhof im Bezirk Linz-Land

Der Artenhof im Bezirk Linz-Land ist ein kleiner Vollerwerbbetrieb mit Bio-Zuchtschweinen und Legehühnern.
Mit der Umstellung auf Bio im Jahr 1995 wurde die erste Hecke als Erosionsschutz gepflanzt – der Startschuss für eine Reihe an Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität am Betrieb.
Der Natur wurde beispielsweise mit Biotopen auf „unproduktiven Flächen“, sowie der Anlage von artenreichen Blühflächen im Laufe der Jahre mehr Platz zurückgegeben. Die fünf Biotope füllen sich mit Felddrainagen-Wasser. Sie puffern Hochwasser, speichern Wasser für Dürreperioden und sind Lebensraum für Molche, Frösche, Libellen und Wasserskorpione. Ein neues, kleines Standbein sind Sensenkurse. Sensenmähen schont im Vergleich zu Rasenmähen Insekten. Für Bewusstseinsbildung zum Artenschutz wurde der Verein Artenhof gegründet.
Johann Schauer in Natternbach

Auf dem Hof von Johann Schauer in Natternbach wird Biodiversität nicht nur gefördert, sondern gelebt. Mit der der Anlage von Wildgehölzhecken, Baumreihen, Wildblumenstreifen, Stillgewässern, Solitärbäumen, kleinen Gehölzgruppen sowie Totholzelementen und Steininseln werden wertvolle Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten geschaffen. Darüber hinaus bewirtschaftet Johann Schauer eine weitläufige Extensivwiese.
2024 wurden zudem großzügige Blühflächen mit regional angepasstem Wildblumensaatgut angelegt. Unter anderem drei ha direkt im Ortskern von Natternbach. Diese setzen nicht nur farbenprächtige Akzente in der Gemeinde, sie bieten auch zahlreichen Insekten und Vögeln einen idealen Lebensraum.
BIO AUSTRIA hatte die Gelegenheit mit den beiden Biodiversitätspionieren zu sprechen.
BA: Warum ist Biodiversität für uns alle wichtig – nicht nur für die Natur, sondern auch für uns als Konsument:innen und für euch als Biobauern?
- Schauer: Nur eine intakte Natur mit Lebensräumen und Zufluchtsorten kann der Vielfalt den Raum geben, den sie braucht. Gerade in Zeiten des Klimawandels sind wir mehr denn je auf diverse und dadurch anpassungsfähige Ökosysteme angewiesen.
- Schützenhofer: Genau. Es braucht auch Artenvielfalt bei den Bestäuberinsekten, denn Honigbienen können nicht alle Blütenformen bestäuben. Lupinen können beispielsweise nur von Wildbienen (u.a. Hummeln und Holzbienen) bestäubt werden. Für uns Land- und Forstwirt:innen hat Biodiversität den Vorteil, dass wir stabiler produzieren können. Stell dir vor, du hast einen reinen Eschenwald und das Eschentriebsterben (eingeschleppter Pilz aus Asien) tötet alle Eschen. Ein artenreicher Mischwald ist da viel stabiler, da andere resistente Arten dabei sind. Biodiversität bietet aber auch subjektive Vorteile: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich einen Segelfalter, eine seltene Wildbienenart, sehe.
BA: Was sind die größten Bedrohungen für die Artenvielfalt in der Landwirtschaft?
- Schauer: Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass in vielen unserer Agrarökosysteme der Bogen bereits überspannt ist. In den letzten Jahrzehnten mussten zahlreiche Landschaftselemente wie beispielsweise Feldraine, Obstbaumreihen oder Tümpel zugunsten der einfacheren Bewirtschaftung weichen. Somit hat das Mosaik an landwirtschaftlichen Kulturen viel an Struktur und Kleinteiligkeit verloren. Dabei geht wertvoller Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten verloren. Werden die Felder zudem mit Herbiziden und Pestiziden behandelt, verwandeln sich diese zunehmend in Agrarsteppen.
- Schützenhofer: Die Zerstörung natürlicher Lebensräume, ausgeräumte Landschaften, wenig Kulturartenvielfalt, der Einsatz von Pestiziden, Überdüngung sowie Wassermangel in Dürreperioden sind gerade in Zeiten des Klimawandels große Herausforderungen. Wir versuchen am Betrieb die Lebensmittelproduktion mit Artenvielfalt zu kombinieren. Das soll nach dem Motto „Schützen durch Nützen“ funktionieren z.B. im „essbaren Waldgarten“, in der „essbaren, artenreichen Hecke“ und mittels essbarer „Un“-Kräuter.
BA: Könnt ihr uns Beispiele nennen, wo sich bedrohte Arten durch eure Maßnahmen wieder angesiedelt haben?
- Schützenhofer: Gelbbauchunken und Libellenarten, die vorher nicht bei uns vorgekommen sind, finden sich in und um die angelegten Teiche. Auch weniger gefährdete Arten wie Rebhühner waren vor einigen Jahren nicht zu sehen und sind jetzt wieder da. In den letzten Jahren wurden nämlich mehrere Hecken am Artenhof gepflanzt – seltene Pflanzenarten haben wir gezielt ergänzt und die bestehenden erhalten.
- Schauer: Auch wir setzen auf vielfältige und vernetzte Lebensräume zwischen unseren Wiesen und Feldern. Diese dienen ebenso als Rückzugsort und Bewegungskorridor. Für viele Insektenarten und insbesondere für Fledermäuse ist diese Form der Vernetzung notwendig.
BA: Johann, du hast deine Blühflächen ja ganz gezielt im öffentlichen Raum angelegt – unter anderem direkt im Gemeindegebiet in Natternbach – warum ist dir das so wichtig?
- Schauer: Gerade im Siedlungsraum entsteht ein direkter Kontakt zur Bevölkerung. Der Lebensraum Wildblumenwiese kann hautnah erlebt werden. Außerdem machen die interessierten Beobachter:innen so die Erfahrung, dass Landwirtschaft und Naturschutz Hand in Hand gehen können.
BA: Und wie fallen die Reaktionen anderer Landwirte und der Bevölkerung auf dein sichtbares Engagement für die Biodiversität aus?
- Schauer: Ich habe bisher nur positive Rückmeldungen erhalten. Viele Wanderer:innen und Interessierte, aber auch Bäuerinnen und Bauern haben sich bei uns nach den Maßnahmen erkundigt. Wir haben daher auch schon einen Workshop zur Anlage von Blühstreifen und eine Infoveranstaltung zu unserem Renaturierungsprojekt abgehalten.
BA: Nun haben wir viel darüber gesprochen was ihr als Biobauern für die Biodiversität leistet. Was kann jede:r Einzelne von uns tun, um Biodiversität zu schützen – auch im eigenen Garten?
- Schützenhofer: Jeder kann beispielsweise insektenfreundliche heimische Pflanzen im Garten, auf dem Balkon anbauen oder Bio-Produkte aus biologischem, nachhaltigem Anbau kaufen – das unterstützt die Bio-Landwirtschaft und dadurch die Biodiversität in der Landwirtschaft. Aber auch durch ehrenamtliches Helfen bei Naturschutzbund und Co kann jede:r seinen positiven ökologischen Fußabdruck vergrößern.
BA: Was wünscht ihr euch für die Zukunft der Landwirtschaft in Bezug auf Artenvielfalt und Nachhaltigkeit?
- Schützenhofer: Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, besser auf Dürreperioden vorbereitet zu sein. Wir haben mit einigen Maßnahmen am Hof begonnen, die Wasser in der Landschaft halten. Unsere Teiche speichern Drainagen-Wasser, Dächer ohne Dachrinnen bewirken, dass Wasser vor Ort versickert und kleine dezentrale Dämme bremsen Wasser bei Starkregen. Mit diesen und weiteren kleinen Maßnahmen sollen Hochwässer und Dürren gleichermaßen abgeschwächt werden. Insbesondere der Bedarf an Wasserspeichern für Dürreperioden wird mit der Klimaveränderung künftig noch ein großes Thema werden.
- Schauer: Mir ist wichtig, dass Agrarökosysteme als solche wahrgenommen, geschätzt und auch gefördert werden. Nicht nur von der Landwirtschaft, sondern auch von der Gesellschaft, deshalb engagiere ich mich beispielsweise auch als Bienenbeauftragter im Ort. Die Gesundheit von uns Menschen hängt direkt mit der unserer Tiere und Pflanzen zusammen.
BA: Und was motiviert euch an dem Thema dran zu bleiben?
- Schauer: Von den bei uns am Betrieb umgesetzten Biodiversitätsmaßnahmen profitieren wir auch als Familie. Wir erleben das neu entstandene Arrangement als große Bereicherung. Außerdem komme ich gerne mit Leuten über das Thema ins Gespräch.
- Schützenhofer: Biodiversität ist die Lebensversicherung der Menschheit, denn ohne Bestäuber und anderen Schlüsselarten wird es eng. Um einen positiven Beitrag zu leisten, engagiere ich mich gerne und außerdem finde ich viele Arten wie z.B. den Wanderfalken faszinierend. Das sind die schnellsten Vögel der Welt und sie wären schon fast ausgerottet worden. Sie leisten einen wichtigen Beitrag im Netzwerk des Lebens und sorgen für Gleichgewicht unter den Arten. Rechtzeitige Schutzmaßnahmen haben diese wichtigen und faszinierenden Lebewesen vor dem Verschwinden bewahrt. Beispiele wie diese geben mir Hoffnung und motivieren mich dran zu bleiben.
Infobox Schützenhofer
- Bio-Ferkelproduktion
- Bio-Eier, Bio-Most, Bio-Apfelsaft und Bio-Obst gibt es im Ab Hof Verkauf
- Sensenkurse
Infobox Schauer
- zartes, gereiftes Bio-Rindfleisch von Angusochsen, Bio-Rinderhartwürste
- Bio-Getreideprodukte und Bio-Mehl
- Bio-Brot und Bio-Gebäck mit langer Teigführung. Jeden Freitag wird eine andere Sorte Brot und Weckerl gebacken. Die Vielfalt steckt also auch im Bio-Gebäck.