Kälberfütterung: Den Pansen von Anfang an entwickeln
Das Kalb von heute ist die Kuh von morgen. Kaum eine andere Phase beeinflusst Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Nutzungsdauer einer Milchkuh so nachhaltig wie die ersten Lebenswochen.
Bei der Kälberaufzucht geht es deshalb um mehr als hohe tägliche Zunahmen. Entscheidend ist, dass sich der Pansen frühzeitig zu einem funktionstüchtigen Vormagen entwickelt. Wasser und hochwertiges Festfutter spielen dabei eine zentrale Rolle.
Das Ziel: ein funktionierender Pansen
Obwohl ein Kalb bereits mit einem vierteiligen Magen geboren wird, funktioniert sein Verdauungssystem zunächst ähnlich wie das eines Monogastriers. Die Nährstoffe werden vor allem im Labmagen und Dünndarm verdaut. Pansen, Netzmagen und Blättermagen sind zwar anatomisch vorhanden, aber noch weitgehend inaktiv.
Das ändert sich mit der Aufnahme von Wasser und Festfutter. Schritt für Schritt siedeln sich Mikroorganismen im Pansen an. Der Vormagen entwickelt sich zu einer mikrobiellen „Gärkammer“, die später einen wesentlichen Teil der Energieversorgung des Tieres übernimmt.
Alle Maßnahmen in der Kälberaufzucht sollten daher die Entwicklung eines gesunden und leistungsfähigen Pansens unterstützen.
Wasser: früh anbieten, jederzeit verfügbar
In den ersten Lebenswochen verändert sich der Verdauungstrakt des Kalbes grundlegend. Neben der strukturellen Entwicklung baut sich auch eine neue mikrobielle Population im Pansen auf. Dafür benötigt das Kalb ausreichend Energie – eine bedarfsgerechte Milchversorgung bleibt deshalb unverzichtbar.
Genauso wichtig ist jedoch frisches und hygienisch einwandfreies Wasser.
Gesetzlich vorgeschrieben ist die Wasserbereitstellung ab der dritten Lebenswoche. Aus physiologischer Sicht sollte Wasser allerdings bereits deutlich früher jederzeit zur Verfügung stehen.
Wasser ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich die Mikroorganismen im Pansen entwickeln können. Gleichzeitig beeinflusst die Wasseraufnahme auch die Aufnahme von Festfutter:
„Kälber, die wenig Wasser aufnehmen, fressen auch weniger Heu und Kraftfutter.“
Das gilt besonders an heißen Sommertagen. Auch bei beginnenden Erkrankungen kann die Flüssigkeitsversorgung über die Milch allein nicht ausreichen. Ein frühes Wasserangebot unterstützt deshalb sowohl die Pansenentwicklung als auch die Stabilisierung der Tiergesundheit.
Festfutter: Impuls für den Pansen
Die ersten Kälber beginnen unter Praxisbedingungen häufig bereits ab der zweiten Lebenswoche, an Gras oder Heu zu knabbern. Eine nennenswerte Festfutteraufnahme entwickelt sich meist erst ab der vierten Lebenswoche.
Auch wenn Festfutter zu Beginn noch kaum verwertbare Energie liefert, hat es bereits eine wichtige Aufgabe:
Festfutter ab der zweiten Lebenswoche initiiert die Entwicklung des Pansens.“
Hochwertiges Heu als Grundlage
Für die Pansenentwicklung eignet sich insbesondere hochwertiges, blattreiches Heu, beispielsweise aus dem zweiten oder dritten Schnitt.
Auf vielen Betrieben wird zusätzlich spezielles Kälberkraftfutter eingesetzt. Geeignete Mischungen können unter anderem Weizen, Körnermais oder Sojakuchen enthalten. Das Futter sollte möglichst pelletiert, gequetscht oder mehlig angeboten werden.
Wichtig: Milchkühe und Tränkekälber haben unterschiedliche Nährstoffansprüche. Herkömmliches Milchviehkraftfutter ist für nicht abgesetzte Kälber daher in der Regel nicht geeignet.
Struktur und Energie kombinieren
Eine Möglichkeit ist der Einsatz einer speziellen Kälber-TMR (Total-Mischration). Dabei werden Heu und Kraftfutter gemeinsam angeboten.
Der Vorteil: Das Kalb kann weniger selektiv fressen und erhält kontinuierlich strukturwirksame Bestandteile. Das unterstützt die Entwicklung der Vormägen und fördert ein gleichmäßiges Fressverhalten.
Vorsicht bei der Umstellung auf Silage
Soll später Silage in die Ration aufgenommen werden, sollte die Umstellung schrittweise erfolgen. Die mikrobielle Population im Pansen braucht Zeit, um sich an das neue Substrat anzupassen und eine stabile Fermentation aufzubauen.
Wie viel Kraftfutter braucht das Kalb?
Gerade im biologischen Landbau stellt sich die Frage, ob Kraftfutter für eine erfolgreiche Kälberaufzucht tatsächlich notwendig ist.
Das Projekt „HealthyCalf“ der HBLFA Raumberg-Gumpenstein in Zusammenarbeit mit der Veterinärmedizinischen Universität Wien untersuchte unter anderem Kälber, die ausschließlich mit Heu und ohne Kraftfutterergänzung gefüttert wurden.
Das Ergebnis zeigt, wie wichtig die Heuqualität ist:
- Bei sehr hoher Heuqualität – sogenanntem Zuckerheu – erreichten ausschließlich mit Heu gefütterte Kälber ähnliche Zunahmen wie Tiere mit Kälber-TMR.
- Bei Heu mittlerer Qualität lagen die Tageszunahmen der nur mit Heu gefütterten Kälber dagegen deutlich niedriger.
- Rund um das Absetzen zeigten die ausschließlich mit Heu gefütterten Tiere deutlich längere Wiederkauzeiten.
- Gleichzeitig wirkte sich die reine Heufütterung positiv auf die Pansenentwicklung aus.
Die Ergebnisse machen deutlich: Nicht nur die Frage „Kraftfutter – ja oder nein?“ ist entscheidend. Die Qualität des eingesetzten Heus spielt eine zentrale Rolle.
Absetzen: der entscheidende Meilenstein
Mit dem Absetzen endet nicht einfach die Milchfütterung. Es ist vielmehr ein wichtiger Entwicklungsschritt: Das Kalb sollte zu diesem Zeitpunkt physiologisch zum Wiederkäuer geworden sein.
In der letzten Woche vor dem Absetzen kann die Milchmenge schrittweise reduziert werden. Als Orientierung gilt eine Tränkemenge von etwa zwei Litern pro Tag.
Einen allgemein gültigen Tränkeplan gibt es allerdings nicht. Die Fütterung sollte immer an die betrieblichen Gegebenheiten und die Entwicklung des einzelnen Kalbes angepasst werden.
Wann ist ein Kalb bereit zum Absetzen?
Als Orientierung gilt eine tägliche Aufnahme von etwa 2 bis 2,5 kg Festfutter.
Dabei handelt es sich nicht um einen starren Grenzwert. Vielmehr zeigt die Festfutteraufnahme, ob der Pansen bereits ausreichend entwickelt ist, um den Energiebedarf des Kalbes zunehmend selbst zu decken.
Stress vermeiden: Stallwechsel, Transporte oder plötzliche Futterumstellungen sollten möglichst nicht gleichzeitig mit dem Absetzen stattfinden.
Regelmäßige Gewichtskontrollen helfen, die Entwicklung objektiv zu beurteilen. Dafür kann beispielsweise ein Maßband mit Gewichtsskala eingesetzt werden.
Wissen kompakt
Hohe tägliche Zunahmen allein sind kein Garant für eine erfolgreiche Kälberaufzucht. Ebenso entscheidend ist die Entwicklung eines gesunden und funktionstüchtigen Pansens.
Nur ein Kalb, das zum Zeitpunkt des Absetzens physiologisch tatsächlich zum Wiederkäuer geworden ist, bringt die Voraussetzungen für Gesundheit, Langlebigkeit und eine hohe Lebensleistung als Milchkuh mit.
Worauf muss ich bei der Kälberfütterung achten?
- Wasser: Frisches, sauberes Wasser sollte bereits ab den ersten Lebenstagen jederzeit verfügbar sein.
- Pansenentwicklung: Wasser ist entscheidend für die Entwicklung der Pansenmikroorganismen und fördert die Festfutteraufnahme.
- Heu: Hochwertiges, blattreiches Heu – etwa aus dem zweiten oder dritten Schnitt – sollte frühzeitig angeboten werden.
- Kälber-TMR: Die gemeinsame Vorlage von Heu und Kraftfutter kann selektives Fressen verhindern und eine gleichmäßige Pansenentwicklung unterstützen.
- Heuqualität: Sehr hochwertiges Heu, etwa Zuckerheu, kann unter geeigneten Bedingungen ähnliche Leistungen ermöglichen wie eine Kälber-TMR.
- Absetzen: Zum Absetzen sollte das Kalb etwa 2 bis 2,5 kg Festfutter pro Tag aufnehmen können.
Autorin: Theresa Berger, HBLFA Raumberg-Gumpenstein
Der Artikel in der Originalfassung ist in der BIO AUSTRIA Fachzeitung, Ausgabe 4/2026 im Schwerpunkt „Jungtiere“ erschienen: