Sei einen Schritt voraus!

In Österreich passierten in den letzten Jahren oftmals mehr Unfälle mit Rindern als im Forst. Viele Gefahrensituationen kann man allerdings durch einen bewussten und achtsamen Umgang mit den Rindern und der Gestaltung sicherer Arbeitsbedingungen vermeiden.

Das wichtigste bei der Arbeit mit Rindern, egal ob Mutterkuh-, Milchvieh- oder Rindermasthaltung, sind die Freude am Tier und der nötige gegenseitige Respekt. Auch das richtige Deuten von Signalen der Tiere ist von immenser Bedeutung für die Arbeitssicherheit. Die Sicherheitsberatung der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS) unterstützt die Rinderhalter mit praxistauglichen Tipps.

Abstand halten

Abstand halten – diese Vorsichtsmaßnahme, uns allen aktuell durch die Corona-Pandemie vertraut, ist auch beim Treiben der Rinder praxistauglich. Ein unmittelbarer Kontakt zum Tier, vielleicht sogar mit Körperberührung, ist dafür nicht notwendig und die verbreitete Meinung „je näher ich bin, umso besser kann ich treiben“ falsch. Bei Kursen von Rindertrainern wird veranschaulicht, wie Führen aus der Distanz funktioniert. Dabei ist nicht nur der Abstand, sondern vor allem auch die Position der Betreuungsperson zum Rind ausschlaggebend.
Soll sich ein Rind zum Beispiel vorwärtsbewegen, darf man auf keinen Fall zu weit vor dessen Schulter gehen, denn so kommt jedes Tier zum Stillstand. Geht die Betreuungsperson aber Richtung Hinterbeine, ist der Weg nach vorne frei. Damit das Rind nicht unkontrolliert abweicht, ist es wichtig, die Herde gut zu beobachten: Was haben die Tiere vor? Wo sollen oder könnten sie hingehen? Wo sind mögliche Hindernisse?
Je besser man sich schon vor Beginn des Treibens auf den Weg vorbereitet, umso leichter ist richtiges Handeln. Denn so ist manche Reaktion der Herde vorhersehbar, ganz nach dem Motto: „Sei dem Tier immer einen Schritt voraus“. Die Bewegung eines Tieres richtig zu deuten und zeitgleich die gesamte Herde zu beobachten, verlangt höchste Konzentration, erleichtert die Arbeit jedoch insgesamt ungemein.
Rinder können sich nicht auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren – auch dieses Wissen ist wichtig. Je mehr Leute beim Treiben mithelfen, umso schwieriger kann es werden. Da sind Rinder oft überfordert, überreizt oder sie überreagieren. Meist sind zwei oder drei Personen ausreichend, um eine Rinderherde zu treiben oder zu führen. Wesentlich dabei ist, dass sich die beteiligten Personen absprechen und gut aufeinander abstimmen.

Ruhe bewahren

Ein weiterer Punkt ist die ruhige Herangehensweise an die Arbeit mit Rindern. Denn jede Hektik oder Nervosität überträgt sich automatisch auf das Tier. Tiere allgemein sind in der Lage, die Stimmung der Menschen förmlich zu spüren. Soll eine Arbeit rasch erledigt werden, gilt es erst recht, den Tieren ausreichend Zeit zu lassen. Dazu die Aussage eines erfahrenen Almbauern und Almhalters, wie er seit Jahren die Tiere beim Almabtrieb verlädt: Am liebsten mache er es alleine, wenn dann höchstens mit drei Personen. Er suche sich die Tiere der einzelnen Tierhalter aus der Herde, um diese dann in den jeweils bereitgestellten Viehtransporter zu bringen – und das alles mit viel Ruhe, sodass sich die Rinder an die doch sehr ungewöhnliche Situation nach der langen Zeit der Freiheit gewöhnen können.

Bei einer solchen Arbeit ist es sicherlich hilfreich, die Rinder schon am Vortag in einen engeren Bereich einzugrenzen. So können sie den durch das Zusammentreiben verursachten Stress abbauen und sich wieder an engere Grenzen gewöhnen. Vorteilhaft und zeitsparend ist es auch, die Herde schon vorab in Kleingruppen aufzuteilen, so müssen die einzelnen Tiere nicht aus der großen Menge herausgesucht werden. Eine gute Organisation und bauliche Einrichtungen zum Eingrenzen, Verladen oder wenn nötig zum Fangen sind durchaus sinnvolle Investitionen. Auch der Besuch eines Kurses mit Tiertrainern ist zu empfehlen. Kursteilnehmer erlernen dabei etwa, die Gesten der Tiere richtig zu deuten, einzuordnen oder überhaupt zu erkennen und dieses Wissen kann die alltägliche Arbeit mit den Tieren um vieles erleichtern.

Gegenseitiger Respekt

Oberstes Gebot für ein sicheres Arbeiten mit Rindern ist gegenseitiger Respekt. Dabei gilt als wichtigstes Prinzip für jeden Tierhalter: „Der Chef bin ich“. Sicherlich gibt es Situationen, wo es vernünftiger ist, zurückzuweichen und die Nummer Eins abzugeben. Doch die Führungsrolle hat sich jeder Tierhalter unbedingt (wieder) zu erarbeiten und den Tieren immer wieder klar zu machen. Gelingt dies nicht, können sich gefährliche Momente ergeben, da das Tier seine Position behaupten will.

Noch ein Tipp für mehr Sicherheit: Die Mitnahme eines Stockes beim Betreten des Areals der Rinder dient nicht zum wahllosen Gebrauch, sondern der Verteidigung der eigenen Sicherheit und Gesundheit in einer Gefahrensituation. Auch sollte immer eine Rückzugsmöglichkeit in eine gesicherte Umgebung für die Betreuungsperson vorhanden sein und eine solche schon im Vorfeld bedacht werden. Diese Vorsichtsmaßnahmen sind mitunter lebensrettend.
Oftmals wird behauptet, dass Mutterkühe besonders gefährlich sind. Mutterkühe sind aber nicht aggressiver als beispielsweise Milchkühe. Sie haben ein natürliches Verhalten und sind die direkte Nähe des Menschen nicht so gewohnt wie Kühe, die täglich gemolken werden.

All diese Rahmenbedingungen sind im Umgang mit den Tieren zu beachten und genauso viele andere Faktoren wie Hormone, Gesten, Körpersprache, Witterung, Seh- und Geruchssinn, etc. Das Verhalten keines Rindes ist immer berechenbar. Jedoch sind das Wissen über die Verhaltensweisen der Tiere, ein bewusstes und achtsames Agieren mit diesen, der notwendige Respekt und das Beachten von Sicherheitsmaßnahmen die Grundlage für eine gute Mensch-Tier-Beziehung und ein unfallfreies Arbeiten mit Rindern.

Autor: DI Christoph Mairinger, Sicherheitsberater der Sozialversicherungsanstalt der Selbstständigen, Landesstelle Oberösterreich