Vielfalt im Bio-Landbau

Blühstreifen auf einem Feld
©FiBL, Drapela
©FiBL, Drapela

Was haben Wildbiene, Feldlerche oder Kiebitz gemeinsam? Ihr Bestand und der von vielen anderen Pflanzen und Tieren nimmt weltweit dramatisch ab mit spürbaren Folgen für unser Ökosystem. Es braucht gezielte Maßnahmen, um die Vielfalt von Pflanzen und Tieren zu erhalten und zu fördern. Der Bio-Landbau ist auf einem guten Weg.

Der Schutz der Artenvielfalt ist seit Jahrzehnten ein erklärtes Ziel aller Länder. Trotzdem ist nach wie vor ein alarmierender Rückgang zu verzeichnen. Dies belegt erneut der kürzlich erschienene Bericht des Weltbiodiversitätsrates. Darin wird prognostiziert, dass in den kommenden Jahrzehnten von den geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit rund eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind, wenn es zu keinen grundlegenden Änderungen bei der Landnutzung, dem Umweltschutz und der Eindämmung des Klimawandels komme.

Wo die Ursachen liegen

In vielen Ländern Europas liegt der Anteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche bei 40 bis 60 Prozent. Daher nimmt die Art der Landbewirtschaftung eine Schlüsselfunktion für den Erhalt wildlebender Tier- und Pflanzenarten sowie deren Lebensräume ein. Viele Arten wie Feldvögel und Amphibien leben teilweise auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Ackerwildkräuter würden ohne regelmäßige Bodenbearbeitung verschwinden.


Die intensive Landbewirtschaftung gilt als eine der Hauptverursacher für den alarmierenden Artenrückgang in der Kulturlandschaft. Wesentliche Faktoren sind unter anderem die hohe Nährstoffzufuhr über Mineraldüngung und Gülle, der hohe Einsatz an Pestiziden, der Anbau nur noch weniger Fruchtarten, die Vergrößerung und Vereinheitlichung der Schläge, der Rückgang von Brachen und Dauergrünland, die Beseitigung von Landschaftselementen sowie die Nutzungsaufgabe extensiv bewirtschafteter Lebensräume. Sie führen einerseits zum direkten Verlust von wildlebenden Tier- und Pflanzenarten mit negativen Effekten auf Folgenutzer, denen die Nahrungsgrundlage fehlt. Andererseits erfolgt eine starke Beeinträchtigung der Funktion landwirtschaftlicher Nutzflächen als Lebensraum, sodass viele Arten keine geeigneten Fortpflanzungsbedingungen mehr vorfinden, so fehlen zum Beispiel Brutplätze für Vögel. Die Blütenarmut der modernen, intensiven Landwirtschaft und die Anwendung von Insektiziden werden als maßgebliche Ursachen für den Rückgang von Insekten angesehen.

Stabile Ökosysteme

Langzeitstudien zeigen, dass eine größere Artenvielfalt einen positiven Einfluss auf die Stabilität und die Leistungsfähigkeit von Ökosystemen hat. Arten sind die Grundlage unserer Ernährung und wichtige Rohstoffe. Sie sorgen in intakten Ökosystemen unter anderem für saubere Luft und Wasser, Hochwasserschutz, Nitratabbau, Kohlenstofffixierung und Erosionsschutz. Weltweit hängen etwa drei Viertel aller Nahrungspflanzen zumindest teilweise von der Bestäubung durch Tiere ab. Dabei spielen Wildbienen als Bestäuber eine zentrale Rolle. Etwa ein Drittel aller Wildbienenarten ist auf das Vorhandensein von bestimmten Pflanzen spezialisiert. Finden sie diese nicht mehr vor, fehlt den Bienen die Lebensgrundlage. Umgekehrt sind diese Pflanzen meist auf die spezialisierten Wildbienenarten für die Bestäubung angewiesen. Auch der Rückgang der Ackerwildkräuter hat weitreichende Folgen für die Biodiversität in der Agrarlandschaft, da die Ackerflora Nahrungsgrundlage und Deckung für Insekten, Feldvögel und andere wildlebende Tierarten darstellt. Für die Funktionsfähigkeit eines Agrarökosystems sind zudem viele unauffällige Tierarten und Mikroorganismen wichtig, die Aufgaben bei der Kontrolle von Schädlingen und im Recycling von Nährstoffen sowie als Pflanzen- oder Samenfresser übernehmen. So ist die Häufigkeit von Krankheitserregern und Parasiten bei Pflanzen und Tieren umso niedriger, je diverser ein Ökosystem an Arten ist. Blühstreifen und Hecken verhindern die Erosion des Bodens, was unter anderem dem Verlust fruchtbaren Ackerbodens entgegenwirkt.

Leistungen und Handlungsbedarf

Eine aktuelle, umfangreiche Auswertung wissenschaftlicher Untersuchungen aus den Jahren 1990 bis 2017 zum Vergleich ökologischer und konventioneller Bewirtschaftung, die von Wissenschaftlern des Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung durchgeführt wurde, belegt die hohe Bedeutung der ökologischen Landwirtschaft für die Ar-tenvielfalt. Die Ergebnisse zeigen, dass höhere Arten- und höhere Individuenzahlen bei den ausgewählten Artengruppen durch ökologische Bewirtschaftung die Regel sind. Bei den Tiergruppen sind die bewirtschaftungsbedingten Auswirkungen allerdings nicht so deutlich ausgeprägt wie bei den Pflanzen, da Tiere sehr mobil sind und auch stärker von der Landschaftsstruktur und dem Vorhandensein von Begleitbiotopen, die sie zum Beispiel zur Reproduktion oder zur Überwinterung benötigen, abhängen.

Auch im Bio-Landbau findet aufgrund des steigenden ökonomischen Drucks eine Intensivierung und Spezialisierung statt mit negativen Auswirkungen auf die Artenvielfalt. Dabei ist generell zu berücksichtigen, dass bestimmte Arten durch die gängige landwirtschaftliche Praxis nicht ausreichend geschützt und gefördert werden. Vögel wie die Feldlerche brüten auf Äckern und im Grünland. Um ihre Jungen erfolgreich aufzuziehen, benötigen sie einen störungsfreien Zeitraum von etwa acht Wochen in der Brutzeit. Stark gefährdete Ackerwildkräuter wie der Acker-Schwarzkümmel oder die Kleine Wolfsmilch, die erst ab August reife Früchte bilden, können durch späte Stoppelbearbeitung ab Mitte September und Verzicht auf Striegeln, auch kleinflächig am Ackerrand gezielt gefördert werden. Das Stehenlassen von ungemähten Streifen bei der ersten oder zweiten Mahd im Kleegras oder Grünland wirkt sich besonders positiv auf Insekten aus und beansprucht nur einen kleinen Teil der Fläche. Davon profitieren auch Tagfalter wie der Kleine Perlmutterfalter und der Hauhechel-Bläuling, die gerne Kleegrasflächen besuchen, da Rot- und Weißklee sowie Luzerne beliebte Nektarpflanzen sind. Hinzu kommt, dass der Hauhechel-Bläuling seine Eier ausschließlich an Blättern und Blüten von Leguminosen legt. Die Raupen überwintern in der Bodenstreu und profitieren somit von mehrjährigem Kleegrasanbau. Viele Insektenarten und Spinnen hängen aber auch stark von Landschaftselementen wie Hecken oder Säumen ab. Während sie im Sommer ganz oder teilweise auf dem Acker leben, benötigen sie zur Überwinterung diese angrenzenden, zum Teil nicht oder extensiv genutzten Strukturen. Auch bei der Mahd, sei es im Kleegras oder Grünland, können die Tiere in die Säume flüchten und von dort die Flächen mit nachwachsendem Bestand wieder besiedeln. Die Artenvielfalt der Agrarlandschaft hängt also neben den Bewirtschaftungsverfahren auf der Fläche entscheidend auch vom Anteil und der Qualität dieser Landschaftselemente ab.

Da die meisten Naturschutzmaßnahmen mit Mindererträgen und erhöhtem Aufwand für den Landwirt verbunden sind, ist eine Honorierung dieser Leistungen unabdingbar. So ist auch eine grundlegende Reform der EU-Agrarsubventionen notwendig. Der Hauptanteil der öffentlichen Mittel für die Landwirtschaft muss in Zukunft verstärkt an die Erbringung gesellschaftlicher Leistungen gekoppelt werden.

Autorin: Dr. Karin Stein-Bachinger, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsfor-schung (ZALF) e.V.

Die oben zitierten Ergebnisse basieren auf der Studie von Stein-Bachinger et al. (2019) zur Biodiversität in Sanders & Heß (Hrsg.): Leistungen des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft. Thünen Report 65, 364 S. sowie auf dem Projekt „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ – www.landwirtschaft-artenvielfalt.de