Kartoffelsorten: Tradition und Innovation

Kartoffelsorten sind regelrechte Charaktere, sie unterscheiden sich in vielen wesentlichen Eigenschaften. Wichtig ist, das eigene Sortenspektrum regelmäßig zu überprüfen und sich über Sortenneuheiten zu informieren.
Unsere Züchter arbeiten täglich an neuen Sorten, die bestmöglich mit bestimmten Standortbedingungen umgehen können, an verändere Klimabedingungen angepasst sind, den wichtigsten Kartoffelkrankheiten möglichst lange trotzen und den Anforderungen des modernen Marktes genügen.

Neu und bewährt

Landwirte und Konsumenten identifizieren sich oft mit einer Sorte. Speziell in der Direktvermarktung ist es daher wichtig, gute Sorten zu pflegen und nicht alle paar Jahre mal eben zu wechseln. Dennoch ist es für jeden Kartoffelproduzenten unumgänglich, das eigene Sortenspektrum stets weiterzuentwickeln, um am Züchtungsfortschritt teilzuhaben.
Wer an den Lebensmittelhandel oder die verarbeitende Industrie liefert, tut sich mit Sortenwechseln etwas leichter, da zwar bestimmte Fixpunkte hinsichtlich Kochtyp, Optik, Verarbeitungseignung etc. vertraglich fixiert werden, in den meisten Fällen jedoch ein immer wieder aktualisiertes Sortenspektrum zur Auswahl gestellt wird.
In der Direktvermarktung lohnt es, vielfältige Angebote hinsichtlich Reifezeit, Kochtypen und Lagerfähigkeit anzubieten. Dabei ist es durchaus sinnvoll, dem Hofladenkunden auch „Lieblingssorten“ mit Hof-Tradition anzubieten. Aber niemals darf man sich der Innovation und den damit verbundenen Verbesserungsmöglichkeiten für den eigenen Betrieb, aber auch für die Kundschaft verschließen. Die Kunst ist es, stets neue im Vergleich zu bewährten Sorten zu probieren und die Kundschaft „mitzunehmen“, wenn eine neue Sorte etabliert werden soll. Schenken Sie dem Stammkunden doch einfach ein paar Knollen der neuen Sorte und erbitten Sie als Gegenleistung seine ehrliche Einschätzung – schon vermitteln Sie Wertschätzung, erhalten ehrliche Rückmeldung, können fundierter entscheiden und guten Gewissens Verbesserungen umsetzen.

Vielfalt ist eines der Zauberwörter zukunftsorientierter Landwirtschaft. Und den guten Direktvermarkter zeichnet die Vielfalt durchaus auch bei den Sorten aus: Im Optimalfall kann er für jedes Gericht und jeden Gaumen den richtigen Kochtyp anbieten. Sehr stark wird dieser unter anderem vom Stärkegehalt beeinflusst (mehr Stärke = mehliger). Innerhalb des sortentypischen Rahmens fällt der Stärkegehalt auf schwereren Böden und mit viel Sonneneinstrahlung in der Abreife höher aus. So kann zum Beispiel manche festkochende Sorte wie Ditta oder Linda gerne mal vorwiegend festkochend ausfallen. Mit Bewässerung und auf dunklen Böden lässt sich das etwas bremsen. Oder man achtet auf Sorten, die wie Valdivia, Goldmarie oder Muse „kochtypstabiler“ sind.
In jedem Fall muss der Direktvermarkter auf guten Geschmack achten, berichten können, warum er seine Sorten schätzt und wie sie am besten zubereitet werden. Und er sollte etwas haben, was der Supermarkt in der Regel nicht hat. Eine Einstiegsdroge sind rotschalige Sorten wie Laura. Wer sich dann mit blau- oder rotfleischigen Sorten oder Hörnchentypen befasst, weiß, welch ein Augenschmaus mit blauen und roten Stückchen gespickte Bratkartoffeln sind. Hier entscheidet nicht der Umsatz, den man genau mit diesen Knollen machen kann. Vielmehr ist es das mit ihnen verbundene Besondere, das den Kunden auf Ihren Hof lockt und zum Kauf anderer Produkte inspiriert.

Angebot für 365 Tage

Das heutige Sortenspektrum bietet uns sehr langzeitlagerfähige Sorten, die angebaut ohne Vorkeimung und in einem professionellen Kühllager gelagert, problemlos bis in den Juni vermarktet werden können. Und die allerersten Knollen wachsen durch extrem schnell wachsende Frühkartoffelsorten heran, die vorgekeimt und unter Vlies und/oder Folie binnen 80 Tagen einen guten Ertrag bilden können. Solchen extrem schnell entwickelten Charakteren (Colomba, Solist, Avanti etc.) der Reifegruppe I (sehr früh) gilt es dann jedoch zu verzeihen, dass sie zunächst noch recht wässrig sind. Ihre Leistungsfähigkeit spielen sie am besten auf klassischen Frühkartoffelstandorten wie im Burgenland, im Marchfeld oder manchen Lagen im Wiener Norden oder im Grazer Feld aus. Wer in einer etwas „späteren“ Lage Frühkartoffeln ab Hof anbieten möchte, dem seien eher diejenigen Sorten ans Herz gelegt, die wie die feste Anuschka oder die mehlige Sunita zwar einige Tage später reifen, dafür jedoch bereits wesentlich mehr Konsistenz und Geschmack anbieten. Noch ein wenig später sind dann die sogenannten Anschlusssorten der Reifegruppe II (früh). Die Mehrheit der im Bio-Landbau kultivierten Lagersorten gehört zu Reifegruppe III (mittelfrüh), einige wenige zu Gruppe IV (mittelspät). Achtung – auch innerhalb einer Reifegruppe gibt es oft erhebliche Unterschiede in der tatsächlichen Entwicklungsgeschwindigkeit: So ist Anuschka sicher 10 Tage nach Avanti reif – beide sind in Reifegruppe I! Wenn auch die früheren Sorten meist weniger lagerruhig sind als spätere, so ist es dennoch wichtig zu beachten, dass die Reifezeit nur bedingt etwas über die Lagerruhe aussagt: So gehören Queen Anne oder Belana aus Reifegruppe II zu den laggerruhigsten Sorten auf dem Markt, während Jelly aus Reifegruppe IV im März gerne schon unruhig wird.

Wer gezielt für eine Verarbeitung zu Chips, Pommes Frites, Stärke oder Flocken produziert, beachte bitte, dass die Züchtung in den letzten Jahren zunehmend weggegangen ist von vielseitigen‚, dafür aber im Speziellen oft unzuverlässig nutzbaren Sorten hin zu hochspezialisierten Sorten für bestimmte Verwertungsrichtungen. Lassen Sie sich das Wunschsortiment Ihres Verarbeiters nennen und suchen Sie hieraus gemeinsam mit Ihrem Berater die für Ihren Standort am besten geeigneten Kandidaten aus.

Resistent und widerstandsfähig

… gegen Schädlinge aller Art ist natürlich von hoher Bedeutung, allen voran gegen die Krautfäule. Wurde dieses Zuchtziel in den letzten Jahrzehnten häufig zugunsten einiger anderer weltmarktrelevanter Ziele vernachlässigt, so ist es in den letzten Jahren wieder verstärkt in den Fokus der Züchter gerückt. Besonders erfreulich sind Sorten wie Allians oder die neue Herbstgold, denen eine sogenannte Feldresistenz eine deutlich länger anhaltende Widerstandsfähigkeit verleiht. Zunehmend sind nun auch Sorten auf dem Markt, die dank gezielt auf klassischem Wege (keine Gentechnik!) eingekreuzter Resistenzgene aus Wildarten eine sehr hohe bis fast vollständige Resistenz aufweisen. Eine solche Otolia, Carolus, Tentation, Sevilla etc. ist umso länger in ihrer Resistenz stabil, je mehr Einzelgene für diesen Effekt verantwortlich sind und je langsamer eventuell neue Krautfäulerassen aufkommen, die die Resistenz überwinden. Aus diesem Grund ist es auch sinnvoll, solche Sorten stets mit Kleinstmengen Kupfer zu behandeln, sobald anfällige Sorten in der Umgebung Befall zeigen. Hiermit können eventuell zur Resistenzüberwindung mutierte Sporen recht gut abgefangen werden.
Doch Krautfäuleresistenz ist längst nicht alles. Je nach Standort und Vermarktungsziel ist es wichtig, auch auf Widerstandsfähigkeit gegen Erreger wie beispielsweise Rhizoctonia, Schorf, Silberschorf oder Alternaria zu achten.

Besonders wichtig für den Bio-Landbau sind noch ein paar andere Dinge wie beispielsweise eine gute Stickstoffeffizienz, ein möglichst zügig heranwachsendes und gut schließendes, unkrautunterdrückendes Kraut. Besonders schön ist es, wenn das Kraut wie bei einer Antonia aufrecht stehen bleibt, bis es in die Abreife geht. Das hält den Pilzdruck geringer, Krautreduktion und Abreifesteuerung lassen sich ganz anders realisieren als bei einem kreuz und quer über die Dämme liegenden Bestand.

Mit Klimawandel zurechtkommen

Genau hierin liegt eines der aktuell wichtigsten Zuchtziele, das für viele Regionen Österreichs von enormer Bedeutung ist. So entstehen zum Beispiel im Weinviertel in den letzten Jahren weit mehr Schäden durch Hitze-, Trocken- und Ozonstress als durch Krautfäule. In kontinental geprägten Regionen ist es unausweichlich, sich mit „klimawandeltauglichen“ Sorten zu befassen. Längst werden derartige Merkmale in der Kartoffelzüchtung bearbeitet. In vielen Lagen Österreichs ist eine Bewässerung nicht etabliert oder nicht möglich und es gilt, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass eine beliebte Sorte wie Agria ohne Bewässerung längst nicht mehr sicher genug produziert werden kann. Umso besser, dass es je nach Vermarktungsziel entsprechende Alternativen mit ausgeprägter Trockentoleranz gibt.

Schönheit hat ihren Preis

Neben möglichst homogener Größensortierung und einheitlicher Form verlangt der moderne Kartoffelmarkt zunehmend nach Knollen mit möglichst glatter und feiner Schale und flacher Augenlage. Mit Sorten wie Erika oder Regina ist das durchaus geboten, doch machen Sie sich bitte bewusst, dass hiermit oftmals auch Einiges an Robustheit verlorengegangen ist. Wer hier nicht beste und standortgerechte Pflanzgutkonditionierung bieten kann, wird bei widriger Frühjahrswitterung gerne mit Auflaufproblemen abgestraft.

Sind alte Sorten besser?

Sie sind nicht so überzüchtet, schmecken meist viel besser und sind noch dazu widerstandsfähiger als die neuen Sorten. Mit diesem gefährlichen Halbwissen wurde ein regelrechter Hype um etwas gemacht, was zunächst richtig ist – das Erhalten wertvoller Genetik und traditionsreicher Sorten. Doch rein ernährungsphysiologisch betrachtet, sind moderne Kartoffelsorten sicher nicht weniger wertvoll als ältere! Dazu sind sie weit mehr an aktuelle klimatische Herausforderungen oder die Wünsche des modernen Marktes angepasst. Und wie bei den älteren Sorten finden sich auch im Spektrum der ganz neuen Sorten geschmackliche Highlights. Hiermit wären wir wieder beim eingangs erwähnten Thema: Tradition und Innovation müssen Hand in Hand gehen können. Jede neue und jede alte Sorte hat Stärken und Schwächen! Wer in seinem Betrieb mit den Schwachstellen einer älteren Sorte gut umgehen und von ihrer Beliebtheit profitieren kann, der pflege diese Tradition im sinnvollen Rahmen. Aus gutem Grund werden zum Beispiel Linda, Nicola oder Quarta noch immer in vielen Betrieben kultiviert. Doch wem nutzt die Robustheit der Granola, wenn sie nach ein paar Tagen Hitzestress durchtreibt? Schmeckt die Sieglinde wirklich so gut, dass man ihre hohe Krautfäuleanfälligkeit hinnimmt, statt zu einer Sorte zu greifen, die mindestens genauso gut schmeckt, dabei aber wie Allians hoch krautfäulestabil ist oder wie Simonetta entsprechend schnell marktfähige Größen bildet?

Von Innovation profitieren

Kein Pflanzenschutzmittel dieser Welt ist so nachhaltig und wirksam wie die Resistenz einer Sorte! Wie schön ist es angesichts einer durchwuchsstabilen Sorte den Regen nach wochenlanger Hitze genießen zu können, statt Zwiewuchs fürchten zu müssen?! Hier wird deutlich, wie sehr eine gute, betriebsindividuelle Sortenwahl zur Lösung vieler aktueller Herausforderungen von Standort, Klima und Markt beitragen kann. Beobachten, prüfen und evaluieren Sie ihr eigenes Sortenspektrum jedes Jahr sehr aufmerksam und informieren Sie sich über Sortenneuheiten. Tauschen Sie sich mit Ihren Kunden und Abnehmern über deren Erwartungen aus und haben Sie den Mut immer wieder mal etwas Neues zu probieren. Bestimmt machen Sie dabei viele interessante Bekanntschaften und Erfahrungen und finden die ein oder andere „Lieblingssorte“, die perfekt zu genau ihrem Betrieb, Ihrem Vermarktungsziel und ihren eigenen Bedürfnissen passt.

Christian Landzettel, Bioland Fachberatung Kartoffelbau